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Chicagos Files
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Chicagos Finest

 Die Abteilung für besondere Angelegenheiten stellt sich hier vor.


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The Theory of Everything
by A.C. Crowley


Cartoon Time

13.5.2012

Cartoon Time

Manchmal frage ich mich wirklich, ob es das wert ist, was wir tun. Wir haben die Seele von Elizabeth vor der Hölle bewahrt und den kannibalistischen Pinewood Club auffliegen lassen. Mentor besiegt. Wir haben einen Krieg zwischen religiösen Fanatikern und indianischen Hausbesetzern verhindert. Wir haben ein illegales Testlabor von Renraku unter einem indianischen Internierungslager aufgedeckt und den Hungergeist vertrieben, der die Menschen dort in den Tod getrieben hat.
Man hat mir die Augen ausgerissen und durch seelenlose Kameras ersetzt, Smooth hätte beinahe seine Seele verloren durch seine magischen Experimente, und die Male, bei denen wir beinahe ausgesaugt, erstochen oder erschossen wurden habe ich aufgehört zu zählen. Das alles kann ich ertragen. Aber was mich wirklich an den Rand der Verzweiflung treibt, warum ich an einem Freitag den dreizehnten mit meinen Freunden von der erweiterten C-Files Task Force bis Mitternacht im Büro sitze – Papierkram.
Dank meiner neuen Augen habe ich noch nicht einmal mehr die Ausrede, das ich nicht mehr gerade aus gucken kann. Früher konnte man immer mal sagen „Ich kann den Mist nicht mehr lesen, mir verschwimmt alles vor den Augen.“ Tja, das war einmal. Und „Ich kann den Bericht nicht mehr sehen, ich habe Visionen von augenlosen Toten“ kommt selten gut an. Das ganze wäre weit weniger schlimm, wenn Smooth nicht anscheinend Freude daran hätte, diesen Mist auszufüllen. Früher habe ich das auf seine englischen Wurzeln geschoben, aber seit Manitu Island weiß ich ja, das er auch indianisches Blut in seinen Adern hat. Es muss diese perfide Kombination sein, die ihn Seite um Seite sinnloser Formulare mit einem erschreckenden Stoizismus ausfüllen ließen, alles nur unterstützt von diesem merkwürdigen Teegesöff, das er sich literweise einverleibte.
Ich schaute auf die Uhr. Beinahe Mitternacht. Hurra. Ich schaute in die Runde, außer Smmoth mir waren noch Carmen, Jennifer und Igor in unserem vollgestopften Kellerbüro. Ich hatte die beiden Frauen mit dem Versprechen hergelockt, die Pinewood Akten noch einmal durch zu gehen. Das zog immer. Und seit dem „Dinner“ verließ Carmen nur noch selten ohne Igor das Haus, was ich nur zu gut verstand. Der Zwerg war eine willkommene Abschreckung jedweder Konzern-, Kirchen- oder SAIM Schläger, die es auf sie abgesehen haben konnten.

Ich stand auf und streckte mich. „Noch jemand einen Kaffee?“ fragte ich in die Runde. Jennifer schreckte von Ihrem Keyboard auf, wo sie ein kleines Nickerchen gehalten hatte. Carmen nickte müde, während Igor mir nur wortlos den Eimer hinhielt, den er als „Russenbecher“ bezeichnete. Ich schnappte den Kram und stieg über die Akten in Richtung Teeküche, als das Licht verlosch. Im selben Moment begannen die Türen zu klappern. Ein Stöhnen erklang hinter der Tür.
Smooth war schon auf den Beinen, eine Hand am Holster.
Mit einem Sirren aktivierten sich meine Augen, und alle erschienen als rotgelbe Silhouetten. Smooth entzündete ein Feuerzeug und spähte um sich. Er zögerte, als er Igor erblickte. Ich zwang meine Augen zurück in den optischen Bereich und erkannte den Grund seiner Beunruhigung. Igors Augen reflektierten das Licht des Feuerzeugs wie die einer Katze. Und er starrte Smooth an.
Das Rappeln wurde lauter. Das Stöhnen wurde jetzt um Wörter ergänzt. Nein, nicht Wörter. Ein Wort.
„Smooooooth. Smoooooth. Smoooooooth.“ Langgezogen, guttural, fast, wie ein Gesang. Der Engländer wirbelte herum und starrte mich an. Einen Moment lang war er der Arzt mit den Messern, der Mann ohne Augen. Smooth zog seine Dienstwaffe. Stühle stürzten um, und beinahe simultan begannen Jennifer und Carmen zu kreischen. Smooth schaute zu Ihnen, und Ihre Gesichter waren geisterhaft bleich inmitten der Dunkelhet, und sie schrien laut genug, um jeder Todesfee zu Ehren zu gereichen. Smooth wußte nicht, wohin er zuerst schauen wollte. Er war umzingelt, und das Rappeln wurde immer lauter. Mit einem Knall flog die Tür auf, und hindurch kam eine gewaltige, flackernde Torte.
„HAPPY BIRTHDAY, SMOOTH!“

Mit einem Flackern aktivierte sich auch unser Wandmonitor, und Elizabeth und Jeff schalteten sich auf Las Vegas dazu, um mit allen zusammen ein paar Lieder zu schmettern. Elizabeth war angespannt, aber es tat Ihr gut, nicht in der Menge mit uns zu sein, sondern sich eine zeitlang mit Jeff auf Reisen zu begeben. Dr. Hawkins war sowieso ein begehrter Gastleser auf der halben Welt, nachdem sich die Berichte über Drachensichtungen und Geistererscheinungen überschlugen.
Die Mädels von oben hatten einen ordentlichen Kuchen besorgt, und Carmen hatte ein paar gute Tröpfchen aus Ihrer Bar mitgebracht, die die Runde machten. Zu guter Letzt kam unter der Torte auch noch ein großes Paket mit Löchern zum Vorschein. Edie aus der Buchhaltung erklärte, das man sich gedacht hatte, das Smooth endlich mal einen Grund brauchte, nach Hause zu gehen und nicht Überstunde um Überstunde zu pauken. Wir schauten uns überrascht an. Ein Geschenk von oben? Ich zuckte nur unwissend mit den Schultern. Smooth öffnete das Paket misstrauisch. Kaum hatte er den Deckel angehoben, wurde er von einem Bündel goldgelben Fell angefallen, das ihn unter Janken und Schwanzwedeln im ganzen Gesicht beschlabberte.
Völlig verdattert schaute ich Edie an. „Ein Hund?“ formte ich mit den Lippen. Sie lächelte selbstzufrieden und nickte zu Smooth. Ich glaube, dass ich das erste Mal in meinem Leben ein wirkliches Lächeln auf dem Gesicht meines Partners erblickte, als er diesen Hund im Arm hielt. Ein goldbraunes wuseliges Etwas, aber wenigstens kein Welpe mehr.
„Na großartig. Und alles hier im Keller. Ich muss mit Skinner reden.“
„So ein Zufall. Ich auch mit Ihnen, Crowley.“ Skinner war wieder einmal im schlechtesten Moment hinter mir erschienen. Der Mann war ein echter Ninja, was das anschleichen an Untergebene anging. Außerdem hatte er im Gegensatz zu mir schon ein Stück Torte.
„Es ist praktisch, das Ihre ganze Truppe hier ist. Wir haben einen Notfall in der Federal Reserve Bank. Es gab einen Einbruch. Der leitende Detective heißt Fincher und hat speziell nach Ihnen gefragt.“
„Haben wir nicht andere Dinge zu tun? SAIM, die Pinewood Kannibalen, die UGE-Babies, Drachen?“
„Keiner von denen hat vor unserer Tür eine staatliche Bank beraubt und dabei – ungewöhnliche Spuren hinterlassen. Ich sage ihnen schon Bescheid, wenn sie sich ihre Fälle selbst aussuchen dürfen bis dahin – rücken sie aus.“
„Aber ich hatte noch nicht mal ein Stück Kuchen!“
Skinner schaute mich über die Ränder seiner Nickelbrille an und ließ die Gabel im Mund verschwinden. „Edie legt ihnen bestimmt ein Stück zurück. Und jetzt genug gemeckert. Das Verbrechen schläft nicht!“
Einem Moment lang war Skinner der augenlose Wolf, der mit Genuß die Augen der Kinder verschlang. Der Rest des Raumes war blutrot. Ich biss die Zähne zusammen, bis es vorbei war. Dann sammelte ich die anderen ein, samt Hund.


Die Federal Reserves Bank of Chicago ist ein typischer Tempel des Mammon inmitten von Dutzenden ähnlichen Gebäuden in der Innenstadt. Schon alleine diese säulenbewehrten Prachtbauten sollten meiner Meinung nach jeden mißtrauisch machen, der ihnen Geld anvertraut. Was glauben die Menschen eigentlich, wessen Geld für diese gewaltigen Säulen, die Marmorböden und die Glasfassaden bezahlt?
Das schwarzgelbe Absperrband vor dem Gebäude war eine regelrechte Aufwertung des Gebäudes, zumindest was die Farbgebng anging. Davon abgesehen war hier alles in Betongrau oder sterilem Metall. Zwei Uniformierte standen neben Ihrem Streifenwagen, aber um ein Uhr nachts hatten sie mitten im Bankenviertel nicht mit vielen Schaulustigen zu tun. Das hier war möglicherweise der erste Tatort, an dem ich Passanten desinteressiert vorbei laufen sah. Die Banker und Broker, die jetzt noch unterwegs waren hier waren, hatten alle viel zu sehr mit sich selbst zu tun. Wir stiegen aus den Autos. Ich tatsächlich aus dem Fond, da Smooth seinen verdammten Köter ernsthaft auf den Beifahrersitz verfrachtet hatte! Carmen und Jennifer waren mit Gartersnakes Sportwagen hier. Igor hatte es tatsächlich geschafft, von der Party zu verschwinden, bevor ich ihn einsacken konnte, und reagierte auch nicht auf Anrufe. Carmen grinste nur und erwähnte, das er Edie für die Hilfe bei Ihrem Geschenk danken wollte. Bilder in meinem Kopf.
Ich wedelte mit meinem Ausweis herum, und die Cops ließen uns ohne weitere Kommentare durch die Absperrung. Am Eingang entdeckte ich eine Spurensicherungsmarke neben einem schwarzen Kreis, der auf den Boden gemalt war. Mit dem Finger prüfte ich die Farbe, aber sie war bereits trocken. Sie schien mit einem breiten Pinsel aufgetragen worden zu sein, aber ansonsten ganz normale Farbe.
„Smooth? Irgendeine Ahnung, was schwarze Kreise auf dem Boden bedeuten?“
Der Engländer strich sich über den kahlen Schädel. „Als erstes kommen mir da die aztekischen Kalender in den Sinn. Der Nachtherr Teztal-irgendwas wird da gerne als schwarzer Kreis dargestellt. Aber ich kenne keine aktuelle Gruppierung, die sein Zeichen benutzen würde.“
Eine junge, aufgeregte Stimme ertönte neben Smooth. „Die Farbe ist ganz frisch. Heute nacht aufgemalt. Von einem Mann. Den erkenne ich wieder!“
Perplex schaute ich an Smooth herunter, und neben ihm hockte ein dunkelhäutiger Bursche mit goldblonden, langen Locken. Er trug eine abgerissene Jeans und ein schwarzes, löchriges Sweatshirt. Keine Schuhe.
„Wer verdammt noch mal sind sie?“
Der Junge, er war vielleicht sechzehn, schaute mich mit großen, braunen Augen an. „Ich gehöre zu Smooth. Ich bin Knut.“
„Willst Du mich verarschen? Smooth, kennst Du den Kerl?“
Smooth blickte den Jungen nachdenklich an, dann schaute er zu unserem Auto.
„Nein, aber ich habe da so einen Verdacht.“
„Mir egal. Officers? Schaffen sie den Hippie hier weg. Warum haben Sie ihn überhaupt durchgelassen?“
Hastig und unter Unschuldsbeteuerungen zerrten die Officers den Jungen davon, der hilflos zu Smooth starrte. Der Brite strich sich ein weiteres Mal über den Kopf, dann wandte er sich der Tür zu. „Das kann warten. Wir haben einen Fall zu untersuchen.“ Carmen machte ein paar Fotos von dem verschwindenden Jungen und kritzelte etwas in einen Block, während Jennifer sich den schwarzen Kreis ansah und danach die Schlösser der Eingangstür inspizierte. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, die merkwürdige Ablenkung und die Ignoranz meiner Freunde zu ignorieren.
Ich stapfte die Treppe hoch und betrat den Tempel des Mammon. Meine Augen surrten ein wenig, als sie die Halle im Weitwinkel aufnehmen mussten. Marmor, Chrom und Glas, soweit das Auge reichte. Man kam sich wirklich vor wie in einem Thronsaal oder einer alten Kathedrale. Völlig verloren in der Mitte des Raums stand ein Bursche in einem abgewetzten Trenchcoat, der geradezu „Detective“ schrie. Meine Marke winkte der Cop müde zur Seite.
„Sie müssen Crowley sein, der Typ von der Spinnertruppe.“
„Büro für besondere Angelegenheiten, vielen Dank auch.“
„Mir egal. Seit Weihnachten passiert hier soviel Mist, da muss euch doch einer abgehen. Und jetzt auch noch das hier.“ Er strich sich müde über die schwindenden Haare. „Der Bürgermeister wird mich köpfen, wenn ich ihm hievon erzähle.“
Ich klopfte dem Mann beruhigend auf die Schulter. „Nicht den Mut verlieren. Es häufen sich zwar tatsächlich einige durchaus interessante Phänomene, aber der Großteil der Verbrechen geht weiter auf ganz normale Menschen mit ganz normalen Mitteln zurück. Viele versuchen, auf der mystischen Welle mitzureiten, die wir Raven und Howling Coyote verdanken. Was können sie mir über den Einbruch hier sagen?“
„Ich zeige es ihnen besser. Das einzige, was wir sicher wissen, ist, das die Sicherheitskameras gehackt wurden. Was man darauf sieht, ist ein Witz. Aber sehen sie sich den Tresorraum an, der ist leider deutlich weniger witzig.“
Wir folgten dem geheimnistuerischen Cop durch die Vorhalle in ein Untergeschoss. Die Spurensicherung war hier schon unterwegs, und diverse Objekte waren mit Nummern versehen, um sie bei der späteren Katalogisierung einfacher zordnen zu können. Aber der Elefant im Raum war nicht zu übersehen.
„Ist diese Tür herausgerissen worden?“ Smooth stand neben der mindestens drei Tonnen schweren, dreißig Zentimeter dicken Stahltür, die auf dem Boden lag. Es gab keinerlei Schmauchspuren oder Sprengkrater. Stattdessen...
„Das hier sieht aus wie Fingerabdrücke.“ Der Engländer schaute den Detective skeptisch an. „Wenn auch von einem vierfingrigen Menschen ohne jegliche Papillarleisten.“ Crowley nahm das Ganze in hochauflösender Grafik wahr. Ihm entging nicht der schwarze Kreis auf dem Boden, der halb von der Tür verdeckt wurde. Und die danebenliegende Möhre ebenfalls nicht.
„Das ganze hier sieht wirklich sehr interessant aus. Ich freue mich schon auf die Überwachungsvideos.“
„Freuen sie sich nicht zu früh.“ Der Detective führte uns in den Tresorraum.
Es sah aus, als hätte ein Wirbelsturm gewütet. Geldscheine, Dokumente und nicht identifizierbare Papiere lagen wild verstreut im Raum herum. Die Türen der Schließfächer schienen allerdings nahezu unberührt.
„Wissen sie schon, was fehlt?“. Fragte Smooth hoffnungvoll. Der Detective schnaufte.
„Das ist ein Witz, oder? Bis wir hier alles gesichert haben und die Banker ihre Inventare rausgegeben haben, sind wir beide in Rente.“ Er zeigte auf den Wust. „Hier können tausende von Dollars fehlen, ohne dass wir es merken. Aber wir haben keine Ahnung, was und wie sie es weggeschafft haben.“
„Naja, sie haben nur das Fach hier aufgemacht.“ Der blonde Hippie stand neben Smooth und deutete auf ein Schließfach. Dabei tippte er ständig nervös mit einem Fuß auf und ab und schaute abwechselnd Smooth und mich an, als erwarte er eine Belohnung. Ich war völlig baff. Wir war der Typ hier wieder reingekommen? Smooth klopfte ihm auf die Schulter und untersuchte das Fach.
„Bin ich der einzige hier, der einen unbeaufsichtigten Zivilisten an unserem Tatort merkwürdig findet?“ fragte ich, vielleicht etwas vorwurfsvoll. Carmen schien mehr Interesse an der knappen Lederhose des Burschen zu haben anstatt einer sinnvollen Diskussion. Gartersnake peilte unbeteiligt die Sichtlinien der Kameras an. Alles muss man selber machen. Ich ließ die Handschellen aufschnappen und schritt auf den Schwedianer zu. Blonder Indianer, versteht ihr? Halb Schwede, halb Indianer? Ach, vergesst es.
„So, diesmal wirst du nicht so einfach davonkommen, Bursche.“ Der Typ duckte sich, täuschte nach links an, dann rannte er rechts an mir vorbei. Etwas unwürdig stolperte ich über ein paar Immobilienakten, dann wirbelte ich zur Tür herum.
Der Schwedianer stand aufgeregt wackelnd in der Tür und grinste mich an. Du willst spielen, was?, dachte ich bei mir. Mal sehen, wie du damit spielst. Ich hielt die Handschellen hoch und ließ sie hin und her baumeln, während ich mit der anderen nach dem Taser fischte. Die Augen des Schwedianers folgten den Handschellen. Als ich ihm grade eine paarhundert Volt auf den Pelz brennen wollte, spürte ich Smooths Hand auf meiner Schulter.
„Ignorier ihn einfach.“
In meinem Kopf machte etwas Klick. Einen Moment lang wurde die Gestalt des blonden Hippies von einem roten Licht umrandet, dann verschwand er.
„Was.. Wo..“ ich griff mir an den Kopf. Smooth drückte mir beruhigend auf die Schulter.
„Ist schon in Ordnung, Crowley. Ich hold dir einen Kaffee. Schau du dir doch schon mal in Ruhe die Aufnahmen an.“ Er machte sich auf den Weg nach oben, begleitet von Carmen, die wohl schon wieder rauchen musste. Elende Süchtige. Wenn ich bloß schnell meinen Kaffee kriegen würde, dann würde das hier viel mehr Sinn machen.


Carmen

Smooth und ich machten uns auf den Weg nach oben. Der blonde Bursche schien traurig, das Crowley nicht mehr mit ihm spielen wollte, ließ sich aber schnell von ein paar Bonbons ablenken.
„Und du meinst wirklich, er ist ein Wechselbalg?“ flüsterte ich dem Engländer zu.
„Es scheint mir naheliegend. Seine Haarfarbe, sein merkwürdiges Verhalten. Alles deutet darauf hin, dass wir es hier mit einem Gestaltwandler zu tun haben.“
„Und trotzdem bleibst du so ruhig? Ich habe dir von den Hautwechslern erzählt, die Jeff und ich getroffen haben. Die konnten verdammt unangenehm sein…“
Smooth warf einen Ball den großen Marmorflur entlang, und der Bursche rannte mit einem Freudenschrei hinterher. „Mag sein, meine Liebe, aber im Zweifelsfalle für den Angeklagten. Ich habe nicht das Gefühl, das Knut uns etwas Böses will. Meinst Du nicht auch?“
Die pure Ausgelassenheit, die Knut an den Tag legte, und sein umwerfendes Grinsen machten es schwer, ihm etwas übel zu nehmen. Smooth gab mir den Ball, und ich konnte Knut nur mit Händen und Füssen abwehren. Nicht, das es mir was ausmachte, wenn mir ein knackiger Bursche so viel Aufmerksamkeit schenkte. Aber er sollte mir doch mindestens ein paar Drinks ausgeben. „Schluss jetzt!“ herrschte ich ihn an, und unmittelbar wurde er still.
Smooth hatte die Brille abgenommen und begann mit Atemübungen, die ich schon öfter im Labor gesehen hatte. Die Inder nannten es „das dritte Auge“. Es ermöglichte ihm, Dinge zu sehen, die mit dem normalen Auge nicht sichtbar waren. Auren, Emotionen… andere Dinge halt.
Er atmete dreimal tief aus, dann öffnete er die Augen wieder. Die Pupillen waren unnatürlich geweitet, wie in der Dunkelheit. Er suchte den Raum ab, dann schien er sich auf etwas zu konzentireren.
„Was haben wir denn da“, murmelte er, und schritt langsam auf die Mitte des Raums zu. Ich folgte seinem Blick. Im ersten Moment sah ich gar nichts, aber dann war es, als würde ein Windhauch durch den Raum gehen. Kleine Farbpartikel wirbelten herum, wie eine Böe, die sich auf einem Packplatz drehte und Müll aufstob. Neben mir ertönte ein leises Knurren. Ich schaute zur Seite, und Smooths Golden Retriever starrte auf dieselbe Stelle. Sein Nackenfell war aufgerichtet und er fletschte die Zähne.
„Smooth, bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“
Er schien mich nicht zu hören und erhob jetzt die Rechte, um den Wirbel anzufassen. Knut schoss vorwärts. Hunde sind beeindruckende Sprinter, aber er war einen Sekundenbruchteil zu spät. Ich hatte einen kurzen Eindruck von einer braunen Klaue, die Smooth packte, dann wurde er von den Beinen gerissen und wirbelte durch die Luft. Knut sprang ohne zu zögern hinterher.
Der Anblick war bizarr. Smooth und sein Hund drehten und wirbelten herum wie in einem Mixer. Staub wirbelte auf, und immer wieder erhaschte ich einen Blick auf etwas Braunes mit scharfen Krallen und riesigen Zähnen.
Hektisch blickte ich mich um. Da. Während ich lief, riss ich mein Handy hervor und brüllte Crowleys Namen herein. „Verbinde mit Großkotz. Bitte warten.“ Ich kam vor dem Feuerwehrkasten zu stehen und fummelte mit der linken an der Sicherung.
„Bitte warten“
Dafür, das man diese Kästen im Notfall aufmachen sollte, waren sie verdammt kompliziert. Ich steckte das Telefon weg und riss mit beiden Händen an der Tür. Mit einem Knacken flog sie auf. Hinter mit hörte ich Knurren, Bellen und merkwürdige britische Flüche.
„Bitte warten“
Ohne groß nachzudenken drehte ich einfach alles auf, was da an Ventilen zu drehen war und schnappte mir das Schlauchende.
„Sie sind mit der Mailbox von Special Agent Crowley verbunden. Wenn sie einer von den Ufospinners sind, legen sie auf. Wenn sie Todesdrohungen loswerden wollen, drücken sie die 1…“
Frustriert rannte ich mit dem Schlauchende zu Smooth. Er sah inzwischen ziemlich mitgenommen aus. Sein Tweedanzug war in Fetzen, und er drehte sich immer noch wie ein Kreisel in inzwischen gut zwei Metern Höhe. Knut sah ebenfalls gebeutelt aus und biss um sich wie bei einem Wurstwettessen. Zwei tellergroße weiße Augen tauchten kurz auf und starrten mich wütend an, dann wirbelten sie davon.
„Na, dann wollen wir euch mal ein wenig abkühlen, Jungs.“ Ich legte den Hebel an der Düse um, und knapp 1000 Liter Wasser pro Minute donnerten in den Wirbel. Smooth wurde aus seinem Wirbel gepustet wie eines dieser Jahrmarktsmännchen, die man mit Wasserkanonen in Eimer schießen muss. Ich korrigierte mein Ziel und drückte Knut hinterher. Danach hielt ich weiter auf den Wirbel, den in dem Wasserstrahl meinte ich einen Moment eine klobige, haarige, wütende Gestalt ausmachen zu können. Sie schlug und wirbelte noch ein paarmal um die eigene Achse und verteilte dabei Wasser in der gesamten Lobby. Dann schien sie an Schärfe zu verlieren. Es wirkte beinahe so, als würde sie unter dem Wasserdruck zerlaufen. Gnadenlos ließ ich den Strahl auf der Gestalt, bis nichts mehr als ein paar braune Schlieren übrig waren, die sich mit dem Wasser vermischten. Ich verschloss die Düse wieder und ließ den Schlauch fallen, um nach Smooth zu sehen. Als ich ihn erreichte, hatte er sich gerade in eine sitzende Position hochgekämpft, während Knut ihm jankend das Gesicht abschleckte. Ich half ihm, sich an eine Säule zu lehnen.
„Was ist passiert?“
„Es ist mir etwas peinlich“, gab er zu.
„Wieso?“
„Weil ich gerade von einer Zeichentrickfigur verhauen worden bin.“
Neben mir erklangen Schritte. Ein missbilligender Crowley starrte auf uns herunter.
„Könnt ihr mir erklären, warum ihr hier mit Smooths Köter Wasserspiele spielt, während wir einen Fall bearbeiten?“
Knut schüttelte sich und deckte uns alle mit Wasser und Hundehaaren ein. Ich prustete laut los. Crowley wirkte wenig erheitert.
„Dieser Fall macht mir jetzt schon Kopfschmerzen.“

Den Mund zu voll genommen



A good old time

Gartersnake

„Unsere Computerfreaks sind schon dabei, aber wer weiß, wie lange das dauert.“ Crowley massierte seine Schläfen. Das kalte Glitzern seiner Chromaugen blieb verstörend, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Woran ich mich nicht gewöhne wollte, waren solche unnötigen Ablenkungen von meiner Jagd auf den Pinewood Club. Ich hatte diese ganze freier Mitarbeiter des FBI Nummer nur angenommen, um ihnen auf den Fersen zu bleiben. Und jetzt schaute ich mir alberne Cartoontiere an, die eine Bank überfielen.
„Ich sehe das also richtig – Bugs Bunny und Popeye der Seemann haben diese Bank überfallen?“ Ich schaute in die Runde. „Und dich hat der tasmanische Teufel angefallen?“ Smooth war immer noch ein wenig feucht und roch nach nassem Hund, aber er hatte seine Haltung wieder gefunden. „Ich bin nicht vertraut mit diesen Dingen, aber es war ein großes, braunes Wesen mit kurzen Beinen, muskulösen Oberarmen und einem beeindruckenden Gebiss, das sich in einer Art Wirbelwind fortbewegt. Und es wirkte – gemalt. Oder eher gezeichnet.“
Ich tippte auf die Monitore, auf denen gerade eine Cartoonhase in einem Loch vor der Bank verschwand, das er gerade erst mit einem Farbeimer dorthin gemalt hatte. „So wie die da.“
Der Brite nickte. „So in etwa. Und dann gibt es noch eine Aufnahme, bei der uns der Detective gewarnt hat, das wir sie nicht beim Essen sehen sollten.“
Er ließ einen Clip ablaufen, der den Vorraum des Tresors zeigte. Der Panzerknacker, der mit seinem Sack Beute beschäftigt war, bemerkte erst spät den Wachmann, der sich aufgrund des Lärms genähert hatte. Dann starrte er ihn verwirrt an. Der Mann war von dem Anblick ebenfalls wie versteinert. Er dachte nicht einmal daran, seine Waffe zu ziehen. Plötzlich erschien aus dem Loch eine weitere Comicfigur. Sie war schwarzweiß, klein, und hatte riesige Augen. Sie blinzelte dem Wachmann verführerisch zu, und wiegte ihre Hüften. Die Zunge des Mannes rollte aus seinem Mund wie ein Teppich. Das Zeichentrickmädchen schnappte sich daraufhin einen Heizkörper von irgendwoher und stopfte ihn im Ganzen in seinen Mund. Sein Hals und Torso verformten sich, so dass man die Heizrippen deutlich unter der Haut hervortreten sah. Das Mädchen lachte wild los, und hielt sich den Bauch fest. Der Panzerknacker zögerte einen Moment, dann schnappte er seinen Sack mit Beute und das Mädchen an der Hand und gemeinsam verschwanden sie im Loch.
Außer dem leisen Würgen von Carmen war es totenstill geworden. Crowley ergriff als erster das Wort.
„Bis grade hatte ich noch Sympathie mit unserem kleinen Anarchisten. Aber Mord…“
„Noch ist es kein Mord“, erklärte Smooth.
„Wie meinst Du das? Sag mir nicht, das das jemand überleben kann!“
Smooth machte eine unbestimmte Geste mit der Hand. „Fakt ist, das der Mann noch Lebenszeichen von sich gegeben hat und zur Zeit in der Intensivstation des Sacred Heart unter Isolation steht. Die Ärzte sind völlig ratlos.“
“Wir haben also einen Augenzeugen. Crowley stand auf und nahm seinen Mantel. Smooth, ich gehe zum Krankenhaus und rede mit ihm. Du hast eine Verabredung mit Mr Breaker. Im Breakers at Edgewater Beach. Eine von Chicagos teuersten Altersresidenzen. Ihre Fach ist das einzige, das aufgebrochen wurde. Also, wer möchte sich auf den Ruhestand vorbereiten und wer möchte die Zeugen befragen?“.“
Mein Magen sagte mir, das ich lieber ins Breakers gehen sollte.

Das Breakers sah mehr aus wie ein eigenes Villenviertel als ein Altersheim. Zum Glück gehörten sie noch keinem der AAA Konzerne an, die sich auf Extraterritorialität beriefen. So öffneten uns Crowleys Ausweis noch einige Türen. Ich war alleine mit ihm da, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Außerdem hatte ich das beste Auge für die Sicherheitsmaßnahmen.
Das Personal, das uns begrüßte, sah aus wie eine Werbung für plastische Chirurgie. Alle trugen merkwürdige Schönheitsflecken symmetrisch im Gesicht verteilt. Das hatte ich so noch nicht gesehen, und ich blieb aus professionellem Interesse eigentlich auf dem Laufenden, was Modetrends anging. Wenn man untertauchen muss, ist es wichtig, dass man sich an alles anpassen kann.
Die Häuser und Wohnungen war in Pastelltönen gehalten, die einzelnen Appartments wirkten mehr wie Ferienhäuser als richtige Wohnungen. Auch hier gab es immer wieder gleiche Proportionen und merkwürdige Punktanordnungen, die keinen Sinn ergaben.Wir begegneten einigen Bewohnern, aber sie schienen uns kaum wahrzunehmen. Stattdessen blickten sie unfokussiert in die Ferne. Etwas an ihren Köpfen wirkte merkwürdig, und ich sprach Barbie darauf an.
„Das sind unsere taktilen Sensornetze für augmentierte Realität.“ Barbie konnte also auch auswendig lernen. „Dadurch können wir die Einschränkungen der Sinne unserer Bewohner umgehen und jedem eine individuelle Gestaltung seines Wohnerlebnisses garantieren.“
Hier wurde Crowley hellhörig. Er hatte seine Chromaugen wieder hinter der Brille verschwinden lassen, aber ich sah es verdächtig aufblitzen.
„Wie meinen Sie das, die Sinne umgehen. Und was hat es mit diesen Mustern auf sich.“ Es war gut zu wissen, dass ich nicht als einzige ein waches Auge hatte.
„Genaueres kann ihnen Mr Breaker selbst erklären, aber die Markierungen helfen der Software, gewisse Muster einfacher zu erkennen und durch eingespeiste Bilder zu ersetzen.“ Sie hielt kurz an einem Wandbildschirm an, der einen Werbespot der Anlage zeigte. „Mittels unserer augmentierten Realität haben sie jeden Tag selbst die Wahl, wo sie sein wollen und mit wem sie verkehren möchten.“ Auf dem Werbesport war die Anlage zu sehen, in der wir gerade standen. Plötzlich änderte sich das Bild, und stattdessen waren wir auf einer Südseeinsel, und die Häuser waren Holzhütten mit Palmendächern. Dann standen wir in Südfrankreich, lustige kleine Altbauten an der Riviera. Dann in einem modernen Condokomplex. Das Personal, das die Präsentation machte, änderte sich von Barbie zu Hawaii-Barbie zu Franzosen-Klischee-Barbie.
„Sie sehen also, wir können jedem von ihnen den Lebensabend ihrer Träume bieten, ohne, dass sie die Strapazen einer Reise oder den Aufwand eines Personalwechsels betreiben müssen.“
Ich starrte den Bildschirm an, dann Barbie. Dann warf ich, aus einem Instinkt heraus, einen Blick über die Schulter. Hinter uns, einen Stapel Handtücher im Arm, stand ein dürrer, schmieriger Bursche. Obwohl er dieselbe Uniform trug wie Barbie, wirkte er vollkommen unpassend. Als er sah, dass ich ihn bemerkt hatte, ließ er beinahe seine Handtücher fallen und verschwand um eine Ecke.
Barbie führte uns mit eingefrorenem Plastiklächeln an den Pool. Dort erwartete uns ein hagerer, sonnengebräunter Mann undefinierbaren Alters. Er mochte sechzig sein, achtzig oder hundert, aber er gehörte zu diesen glücklichen Männern, die im Alter einfach nur interessanter wurden. Er las etwas auf einem in seinen Rollstuhl integrierten Display, aber als wir uns näherten, beschenkte er uns mit einem unmöglich perfekten Lächeln.
„Special Agents. Was verschafft mir die Ehre ihres Besuchs? Sollte der Staat endlich eingesehen haben, das er für dein Ruhestand seiner wichtigsten Mitarbeiter doch etwas großzügiger sein sollte?“ Er lachte über seinen eigenen Witz. „Sie entschuldigen, das ich nicht aufstehe. Nehmen sie gerne Platz.“
Crowley ließ sich auf ein paar verbale Fechtereien mit Breaker ein, während ich die Umgebung sondierte. Die beiden Kens, die Getränke brachten und den Rollstuhl schoben (auch wenn das Ding mit Sicherheit einen Motor hatte), waren deutlich anders gebaut als die anderen Pfleger. Und in ihren Uniformen steckten ein paar Werkzeuge, die wenig mit Gesundheitspflege zu tun hatten. Die ganze Anlage war mit Kameras und Alarmanlagen übersäht. Angeblich war vieles davon zur Sicherheit der Bewohner, aber trotz allem ergab sich ein beeindruckendes Sicherheitskonzept. Wenn wir ungesehen hier herein wollten, war das eine echte Herausforderung. Ein Name riß mich aus meiner Beobachtung.
„Entschludigung, sagten sie gerade Islestream? Andrew Isletream?“ Crowley warf mir einen warnenden Blick zu, aber Breaker wirkte völlig entspannt.
„Ja, das sagte ich. Mr. Islestream ist derjenige, der uns den Vorschlag zur Aufnahme in den Konzern gemacht hat. Er ist aufgrund unserer großen Erfahrung auf dem Bereich der augmentierten Realität an uns interessiert. Und für viele unsere Klienten hätte die Extraterritorialität noch einen zusätzlichen Charme, was ihren Lebensabend angeht.“
„Sie wissen, das Andrew Islestream in Verdacht steht, dem sogenannten Pinewood Club anzugehören? Einer Vereinigung verbrecherischer Geschäftsleute, die illegale Versuche an Menschen durchführen, die Kriminelle für die Schlägertruppen der Konzerne anheuern und nicht gerade dafür bekannt sind, freundliche Übernahmen zu tätigen?“ Ganz davon abgesehen das sie verdammte teufelsanbetende Kannibalen waren.
Das Lächeln Breakers gefror. „Nein, davon hatte ich noch nicht gehört. Ich lese allerdings auch selten die Klatschseiten. Ich habe Mr. Islestream auf einer Benefizveranstaltung zugunsten der Veteranen kennengelernt. Wir teilen gewisse.. Interessen.“ Er nahm die Decke von seinem Schoß und reichte sie an den Ken hinter sich. Darunter kamen zwei High Tech Prothesen zum Vorschein, die von einem nahezu lebensechten Gewebe bedeckt wurden.
Mit dem Surren von diversen Servos stand Mr. Breaker auf. „Sie entschuldigen mich jetzt sicher. In meinem Alter ist regelmäßige Bewegung wichtig. Wenn sie noch weitere Fragen haben, können sie sich diesbezüglich mit meinem Anwalt verständigen. Sie kenne ihn möglicherweise. Sein Name ist Samuel Thorn.“ Mit diesen Worten ließ er uns stehen und vollführte einen perfekten Kopfsprung in den Pool.
Als die beiden Kens uns nach draußen führten, konnte ich Crowley neben mir brodeln hören, aber es war mir völlig egal. Vielleicht war dieser Fall doch keine Zeitverschwendung. Islestream. Thron. Zwei Namen von meiner Liste. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.


Carmen

Obwohl mir schon der Anblick des Videos den Magen umgedreht hatte, konnte ich mir unmöglich ein Exklusivinterview mit einem Augenzeugen entgehen lassen. Was immer da wirklich passiert war, wer immer die Kameras manipuliert hatte, es ging nichts über einen Augenzeugen. Vor allem einem, der so nah dran gewesen war.
Crowley ging die ganze Sache gegen den Strich, das merkte man während der Fahrt. Vor allem kam er immer wieder auf den Schwedianer zu sprechen. Ich hatte aufgehört, ihn zu korrigieren. Irgendwie wollte es nicht in Crowley Kopf, was Knut wirklich war. Also beließ ich es dabei.
Crowley Ausweis räumte die beiden Cops aus dem Weg, die die Tür in der Intensivstation bewachten. Ich atmete noch einmal tief den Krankenhausmief nach Desinfektionsmitteln und Angst ein, dann betrat ich nach Crowley das Zimmer.
Der Anblick war aus der Nähe noch grotesker als in dem Video. Der gesamte Torso des Mannes war deformiert, sah aus, als hätte man eine dünne, hautfarbene Membran über einen Heizkörper gezogen. Der Hals hatte sich wieder zurückverformt, als wäre nichts geschehen. An der Wand hingen Röntgenbilder, die aber wegen der Metallmasse in seinem Rumpf keine Klarheit schafften. Man hatte ihn an alle möglichen lebenserhaltenden Geräte angeschlossen, aber trotzdem war mir unklar, wie dieser Mensch noch am Leben sein konnte. Keines seiner Organe konnte noch an seinem Platz, geschweige denn unversehrt sein.
„Ich glaube kaum, das er reden kann.“
Crowley nickte zustimmend. „Das denke ich auch.“ Er nahm seine Brille ab, und seine verstörenden Augenprothesen glitzerten im Neonlicht. Mi einem leisen Surren fokussierte er den Körper des Wachmanns. Ich trat vorsichtig näher an ihn heran, um ihm ins Gesicht zu schauen. Er war um die vierzig, rotbackig, schwindender Haaransatz. Ein typischer Lohncop, der vielleicht früh einem Herzinfarkt erlegen wäre, aber mit so etwas hatte er gewiss nicht gerechnet. Und verdient hatte er es auch nicht. Als ich so neben ihm stand, riss er plötzlich die Augen weit auf. Seine Hand griff nach meiner. „Bist du Betty?“ stieß er hervor. „Wo ist Betty?“
„Ich, ich weiß nicht.“ Wer war Betty?
„Sag ihr, es tut mir leid, dass ich sie so angegafft habe. Aber ich fand sie schon immer scharf. Auch, wenn sie nur gezeichnet ist.“ Er atmete schwer, war verstörenderweise die Heizrippen unter seiner Haut in Bewegung versetzte. Crowley trat an meine Seite.
„Reden sie etwa von Betty Boop? Der Zeichentrickfigur?“
Die Augen des Wachmannes hefteten sich auf Crowley. Sein Gesicht verzerrte sich plötzlich vor Schmerz. „Ich.. Ich .. ja, ich AAARGH“
Der Brustkorb des Manne schlug plötzlich Wellen. Alle Geräte in dem raum begannen Alarm zu schlagen. Crowley stand wie eingefroren neben mir, in seinen Augen lag ein roter Schimmer. Er murmelte leise „Das kann nicht sein, sowas gibt es nicht, das kann nicht sein“ wie ein Mantra. Der Wachmann begann, um sich zu schlagen, und mit einem letzten, feucht-saugenden Geräusch fiel seine Brust in sich zusammen, als wäre die Luft herausgelassen worden. Er erbrach einen Schwall Blut, dann lag er still. Das Piepen des Pulsanzeigers verwandelte sich in einen durchgehenden Ton. Die Türen flogen auf, und eine kleine Truppe Ärzte trieb uns zur Seite. Es gab einen kurzen Wirbel, aber schon nach Sekunden war klar, das hier nichts mehr zu tun war, als den Todeszeitpunkt fest zu legen.
Nachdem ich auch den letzten Rest meines Mittagessens von mir gegeben hatte und die Ärzte uns mit ein paar Beruhigungspillen versorgt hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Die Ärzte hatten nur mit einem Schulterzucken erklären können, das aus irgendeinem Grund was immer da in ihm gewesen war jetzt auf einmal verschwunden war. Und hatte den Mann zurückgelassen mit zerschmetterten Rippen und komplett zerquetschten Organen.
„Was immer da drin passiert ist – es kommt ganz oben auf meine Liste der widerlichsten Todesarten.“
Ich nickte. „Und wer immer dafür verantwortlich ist, kommt ganz oben auf meine Abschussliste.“
Ausnahmsweise widersprach Crowley mir nicht.
Crowley

Ich konnte nicht fassen, das ausgerechnet Jennifer so eine Szene machen würde. Andererseits, warum war ich überrascht. Seit dem „Dinner“ war der Pinewood Club das einzige, was die Damen gemeinsam hatten. Ihre Obsession. Sie machten kleine lustige Listen mit Dingen, die sie den einzelnen Mitgliedern antun wollten. Oder warfen mit Messern nach ihren Bildern.
Nein, was mich überrascht hatte, war das der Club hier auch schon wieder auftauchte. Man konnte sich schon ein wenig verfolgt fühlen. Immer, wenn die Sache richtig stank, war einer von den Feinschmeckern dabei. Wenn ich nur diesen Lärm irgendwie abschalten könnte. Sie keiften jetzt schon beinahe eine Stunde herum, und neuerdings kläffte auch noch Smooths Hund herum. Wenn ich die Augen schloss, spielten sie mir ständig irgendwelche Erinnerungen vor. Meistens konnte ich sie kontrollieren, aber bei diesem Geschrei riefen sie leider Bilder hervor, die mich auch im Schlaf verfolgten. Das Labor. Die Soldaten. Die Operationen.
„Schluss jetzt.“ Ich schlug auf den Tisch. „Diese ganzen Verschwörungstheorien helfen uns grade nicht. Was sind die Fakten?“
Smooth tätschelte seinen Hund, dann rief er eine Präsentation auf. „Die einzigen relevanten Datenpunkte sind hier. Breakers at the Edgewater ist kurz vor einer Übernahme durch Renraku. Dabei werden sie tatsächlich von unserem alten Bekannten Samuel Thorn beraten, den wir schon vor dem Theater Mondo interviewt haben“ Er zeigte ein Foto des Anwalts. Beim Anblick seiner mechanischen Augen fasste ich mir unmittelbar an die Schläfen. Ungewollte Bilder blitzten auf. Der Pinewood Club bei einem seiner Festessen. Samuel Thorn, der ein paar Augen von einem Cocktailspieß knabberte. Andrew Islestream, der ein menschliches Bein anschnitt wie eine Schinkenkeule.
„Wir sind außerdem die Einwohner des Breakers durchgegangen. Und dabei ist Carmen jemand aufgefallen.“ Ein neues Bild erschien auf dem Monitor. Zum Glück kamen dabei keine neuen Assoziationen auf. „Das ist Elwood Warner der dritte.“ Das Bild zeigte einen alten, übergewichtigen Mann, der herzhaft lachte.
„Und warum interessiert er uns?“
„Weil er nicht irgendein Warner ist.“ Carmen schob ihren Laptop zu mir herüber. „Er ist einer der Nachfahren der Warner Brothers. Der Erfinder von berühmten Cartoonfiguren wie Bugy Bunny, Daffy Duck und dem tasmanischen Teufel.“
„Dann sollten wir schleunigst mit Mr. Warner ein Schwätzchen halten.“
„Das könnte schwierig werden. Elwood Warner hat vor beinahe zehn Jahren einen Schlaganfall erlitten und spricht seitdem nicht her. Das hier ist der Mann, der sich schon vorher um ihn gekümmert hat und seit nunmher fünfzehn Jahren sein ständiger Begleiter ist.“ Smooth zeigte das Bild eines schmierigen, dunkelhaarigen Typen. „Oscar Delgado, 37 Jahre. Einwanderer aus Costa Rica, keine Abschluss. Wie er genau zu Warner gekommen ist, ist nicht wirklich klar. Aber wie man sehen kann, passt er keineswegs in das Mitarbeiterprofil des Breakers.“
Jennifer zielte mit einem Laserpointer auf seine Stirn. „Der Typ hat uns auch bei unserem Besuch angesehen, als wären wir Geister. Ich bin kein Psychologe, aber der hatte schlechtes Gewissen auf die Stirn geschrieben.“
Ich raufte mir die Haare. „Wie kommen wir an ihn ran? Nach Jennifers Auftritt bekommen wir wohl kaum nochmal Zutritt, und wenn wir ihn erst vorladen, ist das niemals durch, bis sie Ende der Woche extraterritorial sind.“
Jennifer starrte mich vernichtend an. „Ich käme da schon rein, aber einfach wird das nicht. Ich habe selten so komplette Videoüberwachung gesehen. Und was mache ich dann mit ihm?“
„Nein, so kommen wir nicht weiter. Wir müssen irgendwie mit ihm Kontakt aufnehmen. Er muss denken, dass wir auf seiner Seite sind, dann traut er sich vielleicht raus.“
Carmen nickte. „Wenn man einen Informanten aus dem Loch locken will, muss man ihm erstmal Honig ums Maul schmieren. Die einzige Frage ist – worauf steht unsere männliche Krankenschwester?“


Finale im Rabbits Hole

Irgendwie kam ich mir wie der gruselige Onkel vor, der Kindern Eis ausgibt. Mit dem albernen Hasen T-Shirt und den kurzen Hosen, der fetten Sonnenbrille, meine Augen zu verbergen und dem Hut, damit mein schwindender Haaransatz nicht so auffiel, war ich zwar nicht wirklich unauffällig, aber es war immer noch besser als meine Dienstanzüge. Im Nachhinein war das „Rabbit Hole“, eine Warner Cartoon Themenkneipe mit verkleideten Kellnern und lustigen Cartoonsnacks wie „Torte ins Gesicht“ oder „Bugs Karottenkuchen“ ein doch nicht so toller Treffpunkt. Ich war der einzige Erwachsene hier ohne Kinder, und die Eltern warfen mit regelmäßig misstrauische Blicke zu. Hinter der Eiskarte verborgen ging ich über das Headset die Positionen der anderen durch.
„Hintereingang ist sicher“, bestätigte Smooth.
„Vordertür ist im Blick“, bestätigte Jennifer, gefolgt von einem „Wuff“. Smooths verdammter Köter.
„Fluchtwagen steht bereit“, hauchte Carmen in den Funk. „Und ich glaube, unser Paket ist unterwegs.“ Sie schickte mir ein Foto eines Kleinbusses mit dem Breaker Schriftzug, der gerade in der Straße neben ihr hielt. „Unsere Schwester ist nicht allein“ Das Foto einer dürren, dunkelhaarigen Frau am Steuer des Kleinbusses folgte. Sie trug irgendein Haarnetz und wirkte auch ansonsten eher wie eine McDonaldsangestellte denn wie eine harte Verbrecherin.
„Smooth, jag die doch mal gleich durch unsere Datenbank. Ich werde unserem Mann mal auf den Zahn fühlen.“
Wenige Minuten später dudelte die Eingangstür den „Looney Tunes“ Jingle, und ein hektischer Carlos, noch schlechter verkleidet als ich, schlich durch die Tür. Seine Sonnenbrille war geschwungen wie die von Dame Edna, und auf seinem Kopf saß so ein formloser Anglerhut. Er schwitzte Sturzbäche, denn er hatte über seiner Breakers Pflegeuniform noch einen dunklen Trenchcoat. Immerhin war ich jetzt nicht mehr Nummer Eins auf der Liste der Kinderschänder-Verdächtigen.
Mit hektischen Schulterblicken und zögernden Schritten kam er zu mir an den Tisch. Ich versuchte, beruhigend zu lächeln, aber Carlos war viel zu nervös, um darauf einzugehen.
Er starrte mich an, und das peinliche Schweigen dauerte an.
„Also, was willst du, Hermano?“ Seine Stimme zitterte, was dem Machogehabe einiges an Eindruckskraft nahm
„Ich will dir helfen, Oscar. Du bist da in etwas hineingeraten, das du nicht überschauen kannst. Du legst dich mit Leuten an, die du nicht mit ein paar billigen Cartoontricks hereinlegen kannst.“
Oscar schaute sich wieder um und kratzte sich dann unter dem verschwitzten Hut.
„Ich brauche keine Hilfe. Ich kann machen, was ich will. Ich bin unbesiegbar!“
„Oscar, Oscar. Niemand ist unbesiegbar. Und ihr, du und deine Freundin, ihr legt euch da mit Leuten an, die essen Leute wie dich zum Frühstück.“ Im wahrsten Sinne des Wortes. „Hast du eine Ahnung, was der Pinewood Club schon alles zu verantworten hat?“
„Wer?“
„Die Leute, die das Breakers an Renraku verscherbeln. Und was meinst du, wie gut jemand mit deinem Werdegang in die schöne neue Konzernwelt passt.“ Ich pokerte ein wenig. Carlos war seit frühester Jugend mit Diskriminierung vertraut. Das Renraku tatsächlich grade sogar in Alphabet City rekrutierte, musste er ja nicht wissen.
„Aber das wird nicht passieren. Mr Warner“ er zögerte „Ich werde das nicht zulassen.“ Er fummelte unter seinem Mantel herum. Ich hob beruhigend die Hände.
„Carlos, ganz ruhig. Ich will dir helfen. Aber dazu musst du mir auch helfen. Du musst mich mit dem zusammen bringen, der diese – Dinge tun kann. Dann kann ich ein gutes Wort für dich einlegen. Wir sind sicher, du hast diesen Wachmann nicht umbringen wollen…“
Carlos sprang auf. „Er ist tot? Dios Mio! Das kann nicht sein! Niemand stirbt in der Warner World! Am Ende geht es immer allen gut!“
In meinem Headset erklang Carmens Stimme. „Hier passiert was, Crowley. Betty Boop ist grade aus dem Wagen gestiegen. In Schwarz Weiss. Und sie zündet eine Lunte an.“
Ich fluchte innerlich. „Carlos, du konntest es nicht wissen. Aber deine Taten haben Folgen. Du kannst nicht kontrollieren, was passiert.“ Ich versuchte, unauffällig unter den Tisch zu spähen.
„Wir denken, es war deine Komplizin, nicht du. Wenn Du jetzt ruhig bleibst und kooperierst, können wir dir noch helfen.“
„Wer bist du, das du mir helfen kannst?“ Carlos Augen sahen merkwürdig aus, als würde er gar nicht mich direkt ansehen, sondern irgendetwas – größeres? Anderes.
„Na gut, aber flipp nicht aus.“ Ich griff langsam in meine Tasche und holte meinen Ausweis hervor. „Ich bin Special Agent…“
„Caramba!“ stieß Carlos hervor, und vor meinen Augen überlagerte etwas Carlos Gestalt. Er wurde quasi übermalt, und statt Carlos zog da Yosemite Sam, der kleine, bauschbärtige Cowboy aus den Cartoons, seine übergroßen Pistolen. Ohne zu zögern jagte ich ihm 2000 Volt Taserladung in den Bart. Wie eine brave Comicfigur wurde er von Blitzen umzeichnet und zuckte wild hin und her. Die Tür zur Küche flog auf und Smooth kam hereingestürmt.
„Verlassen sie alle das Lokal! Es gibt keinen Grund zur Panik.“
Wie zu erwarten ergriffen daraufhin alle Gäste panikartig die Flucht und blockierten die Ausgänge. Mit einem Knall zerplatzte eine der Fensterscheiben. Jennifer stieg geschickt durch die Scherben. „Da draußen kommt eine Lunte näher, die sich nicht löschen läßt.“ Sie warf einen Blick auf den zuckenden und rauchenden Yosemite Sam. “Hoffentlich hat er sie nicht in der Tasche. Dann weiteten sich ihre Augen. Sie zeigte wortlos unter den Tisch und hechtete dann in Richtung der Theke. Die Taserladung war verbraucht, aber Sam/Carlos schien immer noch benommen. Ich warf den Tisch um, und darunter kam eine melonengroße, schwarze Zeichentrickbombe zum Vorschein. Wie ich die vorher übersehen konnte, ist mir schleierhaft. Die Lunte führte aus der Tür heraus, und ich konnte schon das wütende Zischen der Zündflamme hören. Ich packte die Lunte und wollte sie aus der Bombe reißen, aber sie zog sich nur gummiartig in die Länge, ohne zu reißen. Die Zündflamme wanderte durch die Tür auf und zu. Verzweifelt packte ich die Bombe und suchte nach einem Ort, wo sie weniger Schaden anrichten würde. Die Küchentür fiel mir ins Auge, als mich plötzlich ein Strahl Wasser mitten ins Gesicht traf. „Halt still!“ keifte Jennifer. Sie hatte sich hinter der Bar den Sodaschlauch geschnappt und spritzte damit nach mir.
„Lösch doch die Lunte, verdammt noch mal!“ Ein weiterer Strahl traf diesmal die Bombe, und jetzt verstand ich, was sie vorhatte. Wo das Wasser die Bombe traf, wurde die Oberfläche verschwommen, als würde man Wasserfarbe verschmieren. Ich rannte auf sie zu, die Zündflamme direkt hinter mit. Unter meinen Händen zerlief die Bombe langsam. Zu langsam. Mit einem letzten Hechtsprung warf ich die Bombe mit einem lauten Klatschen in das Spülbecken hinter der Theke. Die Flamme zischte an mir vorbei. Über die Theke hinweg.
„Nun verschwinde schon, du Mistding.“ Die Flamme lief tatsächlich noch in das Wasser des Beckens hinein. Das wars dann wohl. Ich kniff die Augen zusammen, aber wieder einmal zeigte das kaum Wirkung. Das Bild der Lunte lief vor meinen Augen weiter, ich sah schon die Explosion, zerfetzte Körperteile flogen in alle Richtungen. Und aus der Asche stieg ein verrauchter Cartooncowboy und tanzte einen lustigen Westerntanz auf unseren Leichen.
Eine Hand traf mich im Gesicht. Ich öffnete die Augen, und Jennifers unverschämtes Grinsen strahlte mir in hochauflösender Grafik entgegen.
„Kein Zeit zum Träumen, Crowley. Es hat geklappt. Und nun schnappen wir uns noch Betty Boop.“
Zu meiner unendlichen Erleichterung war ich tatsächlich nicht tot. Das Spülwasser hatte sich in eine schmierige Suppe verwandelt, aber schlußendlich war die Bombe doch verschwunden. Smooth legte gerade einem klatschnassen, immer noch zuckenden Carlos Handschellen an. Bei dem Kampf hatte er seinen Hut verloren, und in seinen schmierigen Haaren entdeckte ich etwas interessantes. Ich schritt auf ihn zu und schnappte mir das dünne Elektrodennetz, das er durch seine kurzgeschorenen Haare auf die Kopfhaut gepflastert hatte.
„No no, nimm es mir nicht weg, muchacho. Ich will es nicht sehen. Ich will nicht…“, und er begann unkontrolliert zu heulen und zu schniefen.
Von draußen ertönte ein lauter Knall. Wir rannten los.

Carmen
Nachdem Betty die Lunte angezündet hatte, war sie wieder ganz gemütlich ins Auto gestiegen und begann, sich die Lippen nachzuziehen. Es war so ein surrealer Anblick, das ich einen Moment nicht wusste, was ich als nächstes tun sollte. Da saß tatsächlich eine zweidimensionale, schwarz-weiße Comicfigur hinter dem Steuer des Kleinbusses. Dann nahm ich mich zusammen, schnappte meinen Taser aus der Handtasche und stieg aus.
„So, Betty, es hat sich ausgeschminkt. Raus aus der Karre. FBI!“
Das Mädchen bekam große Augen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie riss die Augen auf, und sie wurden einfach immer größer. Das sieht im Fernsehen lustig aus, in der Realität ist es einfach nur verstörend. Und dann wurde es ziemlich unheimlich.
„Nein Nein Nein!“ Bettys Augen blitzten zornig auf, und vor Wut schossen ihr Flammen aus dem Kopf. Kleine Teufelshörner wuchsen ihr. Sie hieb ein paarmal auf das Lenkrad ein, und der Kleinbus verwandelte sich in einen riesigen Cartoonbus. „Ich geh nicht ins Gefängnis!“ Das gelbe Ungetüm hupte, und der Schalldruck warf mich auf den Rücken. Das geriet jetzt doch ein wenig außer Kontrolle. Ich hastete zurück in mein Auto. Mit einem Meter Knautschzone zwischen mir und dem gelben Monster fühlte ich mich deutlich besser.
Die Scheinwerfer der Busses waren tatsächlich Augen, die mich anstarrten. Er ließ den Motor herausfordernd aufheulen, und bäumte sich auf wie ein Pferd.
„Du willst Chicken spielen? Dann spielen wir, Betty.“ Ich startete den Motor des Dodge und ließ die PS aufröhren. „Meinst Du, du hast bessere Nerven als ich?“ Ich schnallte mich an. Betty grinste teuflisch.
„Dann wollen wir doch mal sehen, ob gemalte Busse Airbags haben.“ Ich gab Vollgas.

Crowley
Als wir um die Ecke kamen, lagen Carmens Wagen und ein knallgelber, fast 10 Meter langer Cartoonbus fest ineinander verkeilt an der Seite der Strasse. Die Tür des Busses stand offen, und Smooth Hund zerrte gerade etwas aus dem Führerhaus, das verdächtig nach einer Comicfigur aussah. Ich rannte zur Hintertür des Wagens und riss sie auf. Das Innere des Busses war ein ganz normaler Seniorentransporter. Dort, angegurtet auf einer Krankentrage, lag Warner. Auf seinem kahlen Kopf lag ein Sensorennetz, wie ich es auch Carlos abgenommen hatte. Kabel liefen in ein kleines Computerterminal, das in seine Liege eingelassen war. Entschlossen betrat ich den Bus. Als ich neben dem Mann stand, wurde mir kurz übel. Ich war mir nicht sicher, ob dort ein echter Mann lag oder eine Zeichentrickfigur. Ich tastete mit meinen Fingern an seiner Kopfhaut entlang, bis ich das Netz zu fassen bekam, und zog es herunter.
„Wa…“ die Augen des Mannes flatterten auf. Seine Pupillen waren geweitet. Er starrte an mir vorbei, nur an die Decke. „Nein, nein, wo sind die Farben, wo sind die Faaa…“
Seine Worte gingen in einem Röcheln unter, und sein Kopf sackte zur Seite.
„Verdammt“, fluchte ich. „die Realität ist für manche einfach zuviel.“

Epilog
Am Ende konnten wir natürlich nichts beweisen. Alle Hinweise auf lebendige Comicfiguren zerliefen mit Warners Tod zu Farbpfützen. Die wenigen Aufnahmen, die wir hatten, würden vor Gericht wohl kaum ausreichen. Wir hielten Carlos und seine Freundin fest, und Carlos brach schnell zusammen und gestand neben dem Banküberfall auch noch eine Menge geringerer Delikte. Seine Freundin, eine gewisse Melissa Jones, sagte kein Wort zu alldem.
Carlos Geschichten über die bessere Welt, die sein Freund Mr. Warner für sie alle erschaffen hatte, führte ihn direkt in die Klapse. Seine Freundin kriegten wir für Beihilfe zur Entführung und schwerem Diebstahl dran, denn sie hatten den Wagen und Warner unerlaubt vom Gelände des Breakers entfernt.
Ich ließ die Sensornetze in den C-Akten verschwinden. In den Berichten tauchten sie nicht auf, und obwohl Breakers Beschwerde einlegte und mit Klage drohte, saßen wir das Ganze aus. Jennifer hatte durscheinen lassen, das Ares uns so ziemlich alles für die Dinger gezahlt hätte. Ich gestehe, ein eigenes Bürogebäude mit Hubschrauberlandeplatz hat mich einem Moment zögern lassen. Aber nein. Auch, wenn ich mich über unsere Beamtendenke hier ärgere, auch, wenn ich kein Freund unserer Indianerpolitik bin. Das FBI ist der Ort, wo ich hingehöre.
Was die Comicsache angeht? Bis jetzt weiß ich nicht genau, was passiert ist. Smooth und Hawkins haben zusammen eine Theorie von ektoplasmischer Manifestation sensorischer Eindrücke entwickelt. Das, was Warner durch sein Sensornetz gesehen hat, hat er wahrgemacht. Ob es so war? Wer weiß. Das Breakers und ihre Sensornetze gehören jetzt zu Renraku. Wir können nur hoffen, dass sie vorerst niemanden mehr wie Warner in die Finger bekommen. Oder das wir ihn zuerst finden.

Crowley out.