Cartoon Time
13.5.2012
Cartoon Time
Manchmal frage ich mich wirklich, ob es
das wert ist, was wir tun. Wir haben die Seele von Elizabeth vor der
Hölle bewahrt und den kannibalistischen Pinewood Club auffliegen
lassen. Mentor besiegt. Wir haben einen Krieg zwischen religiösen
Fanatikern und indianischen Hausbesetzern verhindert. Wir haben ein
illegales Testlabor von Renraku unter einem indianischen
Internierungslager aufgedeckt und den Hungergeist vertrieben, der die
Menschen dort in den Tod getrieben hat.
Man hat mir die Augen ausgerissen und
durch seelenlose Kameras ersetzt, Smooth hätte beinahe seine Seele
verloren durch seine magischen Experimente, und die Male, bei denen
wir beinahe ausgesaugt, erstochen oder erschossen wurden habe ich
aufgehört zu zählen. Das alles kann ich ertragen. Aber was mich
wirklich an den Rand der Verzweiflung treibt, warum ich an einem
Freitag den dreizehnten mit meinen Freunden von der erweiterten
C-Files Task Force bis Mitternacht im Büro sitze – Papierkram.
Dank meiner neuen Augen habe ich noch
nicht einmal mehr die Ausrede, das ich nicht mehr gerade aus gucken
kann. Früher konnte man immer mal sagen „Ich kann den Mist nicht
mehr lesen, mir verschwimmt alles vor den Augen.“ Tja, das war
einmal. Und „Ich kann den Bericht nicht mehr sehen, ich habe
Visionen von augenlosen Toten“ kommt selten gut an. Das ganze wäre
weit weniger schlimm, wenn Smooth nicht anscheinend Freude daran
hätte, diesen Mist auszufüllen. Früher habe ich das auf seine
englischen Wurzeln geschoben, aber seit Manitu Island weiß ich ja,
das er auch indianisches Blut in seinen Adern hat. Es muss diese
perfide Kombination sein, die ihn Seite um Seite sinnloser Formulare
mit einem erschreckenden Stoizismus ausfüllen ließen, alles nur
unterstützt von diesem merkwürdigen Teegesöff, das er sich
literweise einverleibte.
Ich schaute auf die Uhr. Beinahe
Mitternacht. Hurra. Ich schaute in die Runde, außer Smmoth mir waren
noch Carmen, Jennifer und Igor in unserem vollgestopften Kellerbüro.
Ich hatte die beiden Frauen mit dem Versprechen hergelockt, die
Pinewood Akten noch einmal durch zu gehen. Das zog immer. Und seit
dem „Dinner“ verließ Carmen nur noch selten ohne Igor das Haus,
was ich nur zu gut verstand. Der Zwerg war eine willkommene
Abschreckung jedweder Konzern-, Kirchen- oder SAIM Schläger, die es
auf sie abgesehen haben konnten.
Ich stand auf und streckte mich. „Noch
jemand einen Kaffee?“ fragte ich in die Runde. Jennifer schreckte
von Ihrem Keyboard auf, wo sie ein kleines Nickerchen gehalten hatte.
Carmen nickte müde, während Igor mir nur wortlos den Eimer
hinhielt, den er als „Russenbecher“ bezeichnete. Ich schnappte
den Kram und stieg über die Akten in Richtung Teeküche, als das
Licht verlosch. Im selben Moment begannen die Türen zu klappern. Ein
Stöhnen erklang hinter der Tür.
Smooth war schon auf den Beinen, eine
Hand am Holster.
Mit einem Sirren aktivierten sich meine
Augen, und alle erschienen als rotgelbe Silhouetten. Smooth
entzündete ein Feuerzeug und spähte um sich. Er zögerte, als er
Igor erblickte. Ich zwang meine Augen zurück in den optischen
Bereich und erkannte den Grund seiner Beunruhigung. Igors Augen
reflektierten das Licht des Feuerzeugs wie die einer Katze. Und er
starrte Smooth an.
Das Rappeln wurde lauter. Das Stöhnen
wurde jetzt um Wörter ergänzt. Nein, nicht Wörter. Ein Wort.
„Smooooooth. Smoooooth. Smoooooooth.“
Langgezogen, guttural, fast, wie ein Gesang. Der Engländer wirbelte
herum und starrte mich an. Einen Moment lang war er der Arzt mit den
Messern, der Mann ohne Augen. Smooth zog seine Dienstwaffe. Stühle
stürzten um, und beinahe simultan begannen Jennifer und Carmen zu
kreischen. Smooth schaute zu Ihnen, und Ihre Gesichter waren
geisterhaft bleich inmitten der Dunkelhet, und sie schrien laut
genug, um jeder Todesfee zu Ehren zu gereichen. Smooth wußte nicht,
wohin er zuerst schauen wollte. Er war umzingelt, und das Rappeln
wurde immer lauter. Mit einem Knall flog die Tür auf, und hindurch
kam eine gewaltige, flackernde Torte.
„HAPPY BIRTHDAY, SMOOTH!“
Mit einem Flackern aktivierte sich auch
unser Wandmonitor, und Elizabeth und Jeff schalteten sich auf Las
Vegas dazu, um mit allen zusammen ein paar Lieder zu schmettern.
Elizabeth war angespannt, aber es tat Ihr gut, nicht in der Menge mit
uns zu sein, sondern sich eine zeitlang mit Jeff auf Reisen zu
begeben. Dr. Hawkins war sowieso ein begehrter Gastleser auf der
halben Welt, nachdem sich die Berichte über Drachensichtungen und
Geistererscheinungen überschlugen.
Die Mädels von oben hatten einen
ordentlichen Kuchen besorgt, und Carmen hatte ein paar gute Tröpfchen
aus Ihrer Bar mitgebracht, die die Runde machten. Zu guter Letzt kam
unter der Torte auch noch ein großes Paket mit Löchern zum
Vorschein. Edie aus der Buchhaltung erklärte, das man sich gedacht
hatte, das Smooth endlich mal einen Grund brauchte, nach Hause zu
gehen und nicht Überstunde um Überstunde zu pauken. Wir schauten
uns überrascht an. Ein Geschenk von oben? Ich zuckte nur unwissend
mit den Schultern. Smooth öffnete das Paket misstrauisch. Kaum hatte
er den Deckel angehoben, wurde er von einem Bündel goldgelben Fell
angefallen, das ihn unter Janken und Schwanzwedeln im ganzen Gesicht
beschlabberte.
Völlig verdattert schaute ich Edie an.
„Ein Hund?“ formte ich mit den Lippen. Sie lächelte
selbstzufrieden und nickte zu Smooth. Ich glaube, dass ich das erste
Mal in meinem Leben ein wirkliches Lächeln auf dem Gesicht meines
Partners erblickte, als er diesen Hund im Arm hielt. Ein goldbraunes
wuseliges Etwas, aber wenigstens kein Welpe mehr.
„Na großartig. Und alles hier im
Keller. Ich muss mit Skinner reden.“
„So ein Zufall. Ich auch mit Ihnen,
Crowley.“ Skinner war wieder einmal im schlechtesten Moment hinter
mir erschienen. Der Mann war ein echter Ninja, was das anschleichen
an Untergebene anging. Außerdem hatte er im Gegensatz zu mir schon
ein Stück Torte.
„Es ist praktisch, das Ihre ganze
Truppe hier ist. Wir haben einen Notfall in der Federal Reserve Bank.
Es gab einen Einbruch. Der leitende Detective heißt Fincher und hat
speziell nach Ihnen gefragt.“
„Haben wir nicht andere Dinge zu tun?
SAIM, die Pinewood Kannibalen, die UGE-Babies, Drachen?“
„Keiner von denen hat vor unserer Tür
eine staatliche Bank beraubt und dabei – ungewöhnliche Spuren
hinterlassen. Ich sage ihnen schon Bescheid, wenn sie sich ihre Fälle
selbst aussuchen dürfen bis dahin – rücken sie aus.“
„Aber ich hatte noch nicht mal ein
Stück Kuchen!“
Skinner schaute mich über die Ränder
seiner Nickelbrille an und ließ die Gabel im Mund verschwinden.
„Edie legt ihnen bestimmt ein Stück zurück. Und jetzt genug
gemeckert. Das Verbrechen schläft nicht!“
Einem Moment lang war Skinner der
augenlose Wolf, der mit Genuß die Augen der Kinder verschlang. Der
Rest des Raumes war blutrot. Ich biss die Zähne zusammen, bis es
vorbei war. Dann sammelte ich die anderen ein, samt Hund.
Die Federal Reserves Bank of Chicago
ist ein typischer Tempel des Mammon inmitten von Dutzenden ähnlichen
Gebäuden in der Innenstadt. Schon alleine diese säulenbewehrten
Prachtbauten sollten meiner Meinung nach jeden mißtrauisch machen,
der ihnen Geld anvertraut. Was glauben die Menschen eigentlich,
wessen Geld für diese gewaltigen Säulen, die Marmorböden und die
Glasfassaden bezahlt?
Das schwarzgelbe Absperrband vor dem
Gebäude war eine regelrechte Aufwertung des Gebäudes, zumindest was
die Farbgebng anging. Davon abgesehen war hier alles in Betongrau
oder sterilem Metall. Zwei Uniformierte standen neben Ihrem
Streifenwagen, aber um ein Uhr nachts hatten sie mitten im
Bankenviertel nicht mit vielen Schaulustigen zu tun. Das hier war
möglicherweise der erste Tatort, an dem ich Passanten
desinteressiert vorbei laufen sah. Die Banker und Broker, die jetzt
noch unterwegs waren hier waren, hatten alle viel zu sehr mit sich
selbst zu tun. Wir stiegen aus den Autos. Ich tatsächlich aus dem
Fond, da Smooth seinen verdammten Köter ernsthaft auf den
Beifahrersitz verfrachtet hatte! Carmen und Jennifer waren mit
Gartersnakes Sportwagen hier. Igor hatte es tatsächlich geschafft,
von der Party zu verschwinden, bevor ich ihn einsacken konnte, und
reagierte auch nicht auf Anrufe. Carmen grinste nur und erwähnte,
das er Edie für die Hilfe bei Ihrem Geschenk danken wollte. Bilder
in meinem Kopf.
Ich wedelte mit meinem Ausweis herum,
und die Cops ließen uns ohne weitere Kommentare durch die
Absperrung. Am Eingang entdeckte ich eine Spurensicherungsmarke neben
einem schwarzen Kreis, der auf den Boden gemalt war. Mit dem Finger
prüfte ich die Farbe, aber sie war bereits trocken. Sie schien mit
einem breiten Pinsel aufgetragen worden zu sein, aber ansonsten ganz
normale Farbe.
„Smooth? Irgendeine Ahnung, was
schwarze Kreise auf dem Boden bedeuten?“
Der Engländer strich sich über den
kahlen Schädel. „Als erstes kommen mir da die aztekischen Kalender
in den Sinn. Der Nachtherr Teztal-irgendwas wird da gerne als
schwarzer Kreis dargestellt. Aber ich kenne keine aktuelle
Gruppierung, die sein Zeichen benutzen würde.“
Eine junge, aufgeregte Stimme ertönte
neben Smooth. „Die Farbe ist ganz frisch. Heute nacht aufgemalt.
Von einem Mann. Den erkenne ich wieder!“
Perplex schaute ich an Smooth herunter,
und neben ihm hockte ein dunkelhäutiger Bursche mit goldblonden,
langen Locken. Er trug eine abgerissene Jeans und ein schwarzes,
löchriges Sweatshirt. Keine Schuhe.
„Wer verdammt noch mal sind sie?“
Der Junge, er war vielleicht sechzehn,
schaute mich mit großen, braunen Augen an. „Ich gehöre zu Smooth.
Ich bin Knut.“
„Willst Du mich verarschen? Smooth,
kennst Du den Kerl?“
Smooth blickte den Jungen nachdenklich
an, dann schaute er zu unserem Auto.
„Nein, aber ich habe da so einen
Verdacht.“
„Mir egal. Officers? Schaffen sie den
Hippie hier weg. Warum haben Sie ihn überhaupt durchgelassen?“
Hastig und unter Unschuldsbeteuerungen
zerrten die Officers den Jungen davon, der hilflos zu Smooth starrte.
Der Brite strich sich ein weiteres Mal über den Kopf, dann wandte er
sich der Tür zu. „Das kann warten. Wir haben einen Fall zu
untersuchen.“ Carmen machte ein paar Fotos von dem verschwindenden
Jungen und kritzelte etwas in einen Block, während Jennifer sich den
schwarzen Kreis ansah und danach die Schlösser der Eingangstür
inspizierte. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, die merkwürdige
Ablenkung und die Ignoranz meiner Freunde zu ignorieren.
Ich stapfte die Treppe hoch und betrat
den Tempel des Mammon. Meine Augen surrten ein wenig, als sie die
Halle im Weitwinkel aufnehmen mussten. Marmor, Chrom und Glas, soweit
das Auge reichte. Man kam sich wirklich vor wie in einem Thronsaal
oder einer alten Kathedrale. Völlig verloren in der Mitte des Raums
stand ein Bursche in einem abgewetzten Trenchcoat, der geradezu
„Detective“ schrie. Meine Marke winkte der Cop müde zur Seite.
„Sie müssen Crowley sein, der Typ
von der Spinnertruppe.“
„Büro für besondere
Angelegenheiten, vielen Dank auch.“
„Mir egal. Seit Weihnachten passiert
hier soviel Mist, da muss euch doch einer abgehen. Und jetzt auch
noch das hier.“ Er strich sich müde über die schwindenden Haare.
„Der Bürgermeister wird mich köpfen, wenn ich ihm hievon
erzähle.“
Ich klopfte dem Mann beruhigend auf die
Schulter. „Nicht den Mut verlieren. Es häufen sich zwar
tatsächlich einige durchaus interessante Phänomene, aber der
Großteil der Verbrechen geht weiter auf ganz normale Menschen mit
ganz normalen Mitteln zurück. Viele versuchen, auf der mystischen
Welle mitzureiten, die wir Raven und Howling Coyote verdanken. Was
können sie mir über den Einbruch hier sagen?“
„Ich zeige es ihnen besser. Das
einzige, was wir sicher wissen, ist, das die Sicherheitskameras
gehackt wurden. Was man darauf sieht, ist ein Witz. Aber sehen sie
sich den Tresorraum an, der ist leider deutlich weniger witzig.“
Wir folgten dem geheimnistuerischen Cop
durch die Vorhalle in ein Untergeschoss. Die Spurensicherung war hier
schon unterwegs, und diverse Objekte waren mit Nummern versehen, um
sie bei der späteren Katalogisierung einfacher zordnen zu können.
Aber der Elefant im Raum war nicht zu übersehen.
„Ist diese Tür herausgerissen
worden?“ Smooth stand neben der mindestens drei Tonnen schweren,
dreißig Zentimeter dicken Stahltür, die auf dem Boden lag. Es gab
keinerlei Schmauchspuren oder Sprengkrater. Stattdessen...
„Das hier sieht aus wie
Fingerabdrücke.“ Der Engländer schaute den Detective skeptisch
an. „Wenn auch von einem vierfingrigen Menschen ohne jegliche
Papillarleisten.“ Crowley nahm das Ganze in hochauflösender Grafik
wahr. Ihm entging nicht der schwarze Kreis auf dem Boden, der halb
von der Tür verdeckt wurde. Und die danebenliegende Möhre ebenfalls
nicht.
„Das ganze hier sieht wirklich sehr
interessant aus. Ich freue mich schon auf die Überwachungsvideos.“
„Freuen sie sich nicht zu früh.“
Der Detective führte uns in den Tresorraum.
Es sah aus, als hätte ein Wirbelsturm
gewütet. Geldscheine, Dokumente und nicht identifizierbare Papiere
lagen wild verstreut im Raum herum. Die Türen der Schließfächer
schienen allerdings nahezu unberührt.
„Wissen sie schon, was fehlt?“.
Fragte Smooth hoffnungvoll. Der Detective schnaufte.
„Das ist ein Witz, oder? Bis wir hier
alles gesichert haben und die Banker ihre Inventare rausgegeben
haben, sind wir beide in Rente.“ Er zeigte auf den Wust. „Hier
können tausende von Dollars fehlen, ohne dass wir es merken. Aber
wir haben keine Ahnung, was und wie sie es weggeschafft haben.“
„Naja, sie haben nur das Fach hier
aufgemacht.“ Der blonde Hippie stand neben Smooth und deutete auf
ein Schließfach. Dabei tippte er ständig nervös mit einem Fuß auf
und ab und schaute abwechselnd Smooth und mich an, als erwarte er
eine Belohnung. Ich war völlig baff. Wir war der Typ hier wieder
reingekommen? Smooth klopfte ihm auf die Schulter und untersuchte das
Fach.
„Bin ich der einzige hier, der einen
unbeaufsichtigten Zivilisten an unserem Tatort merkwürdig findet?“
fragte ich, vielleicht etwas vorwurfsvoll. Carmen schien mehr
Interesse an der knappen Lederhose des Burschen zu haben anstatt
einer sinnvollen Diskussion. Gartersnake peilte unbeteiligt die
Sichtlinien der Kameras an. Alles muss man selber machen. Ich ließ
die Handschellen aufschnappen und schritt auf den Schwedianer zu.
Blonder Indianer, versteht ihr? Halb Schwede, halb Indianer? Ach,
vergesst es.
„So, diesmal wirst du nicht so
einfach davonkommen, Bursche.“ Der Typ duckte sich, täuschte nach
links an, dann rannte er rechts an mir vorbei. Etwas unwürdig
stolperte ich über ein paar Immobilienakten, dann wirbelte ich zur
Tür herum.
Der Schwedianer stand aufgeregt
wackelnd in der Tür und grinste mich an. Du willst spielen, was?,
dachte ich bei mir. Mal sehen, wie du damit spielst. Ich hielt die
Handschellen hoch und ließ sie hin und her baumeln, während ich
mit der anderen nach dem Taser fischte. Die Augen des Schwedianers
folgten den Handschellen. Als ich ihm grade eine paarhundert Volt auf
den Pelz brennen wollte, spürte ich Smooths Hand auf meiner
Schulter.
„Ignorier ihn einfach.“
In meinem Kopf machte etwas Klick.
Einen Moment lang wurde die Gestalt des blonden Hippies von einem
roten Licht umrandet, dann verschwand er.
„Was.. Wo..“ ich griff mir an den
Kopf. Smooth drückte mir beruhigend auf die Schulter.
„Ist schon in Ordnung, Crowley. Ich
hold dir einen Kaffee. Schau du dir doch schon mal in Ruhe die
Aufnahmen an.“ Er machte sich auf den Weg nach oben, begleitet von
Carmen, die wohl schon wieder rauchen musste. Elende Süchtige. Wenn
ich bloß schnell meinen Kaffee kriegen würde, dann würde das hier
viel mehr Sinn machen.
Carmen
Smooth und ich machten uns auf den Weg
nach oben. Der blonde Bursche schien traurig, das Crowley nicht mehr
mit ihm spielen wollte, ließ sich aber schnell von ein paar Bonbons
ablenken.
„Und du meinst wirklich, er ist ein
Wechselbalg?“ flüsterte ich dem Engländer zu.
„Es scheint mir naheliegend. Seine
Haarfarbe, sein merkwürdiges Verhalten. Alles deutet darauf hin,
dass wir es hier mit einem Gestaltwandler zu tun haben.“
„Und trotzdem bleibst du so ruhig?
Ich habe dir von den Hautwechslern erzählt, die Jeff und ich
getroffen haben. Die konnten verdammt unangenehm sein…“
Smooth warf einen Ball den großen
Marmorflur entlang, und der Bursche rannte mit einem Freudenschrei
hinterher. „Mag sein, meine Liebe, aber im Zweifelsfalle für den
Angeklagten. Ich habe nicht das Gefühl, das Knut uns etwas Böses
will. Meinst Du nicht auch?“
Die pure Ausgelassenheit, die Knut an
den Tag legte, und sein umwerfendes Grinsen machten es schwer, ihm
etwas übel zu nehmen. Smooth gab mir den Ball, und ich konnte Knut
nur mit Händen und Füssen abwehren. Nicht, das es mir was
ausmachte, wenn mir ein knackiger Bursche so viel Aufmerksamkeit
schenkte. Aber er sollte mir doch mindestens ein paar Drinks
ausgeben. „Schluss jetzt!“ herrschte ich ihn an, und unmittelbar
wurde er still.
Smooth hatte die Brille abgenommen und
begann mit Atemübungen, die ich schon öfter im Labor gesehen hatte.
Die Inder nannten es „das dritte Auge“. Es ermöglichte ihm,
Dinge zu sehen, die mit dem normalen Auge nicht sichtbar waren.
Auren, Emotionen… andere Dinge halt.
Er atmete dreimal tief aus, dann
öffnete er die Augen wieder. Die Pupillen waren unnatürlich
geweitet, wie in der Dunkelheit. Er suchte den Raum ab, dann schien
er sich auf etwas zu konzentireren.
„Was haben wir denn da“, murmelte
er, und schritt langsam auf die Mitte des Raums zu. Ich folgte seinem
Blick. Im ersten Moment sah ich gar nichts, aber dann war es, als
würde ein Windhauch durch den Raum gehen. Kleine Farbpartikel
wirbelten herum, wie eine Böe, die sich auf einem Packplatz drehte
und Müll aufstob. Neben mir ertönte ein leises Knurren. Ich schaute
zur Seite, und Smooths Golden Retriever starrte auf dieselbe Stelle.
Sein Nackenfell war aufgerichtet und er fletschte die Zähne.
„Smooth, bist du sicher, dass das
eine gute Idee ist?“
Er schien mich nicht zu hören und
erhob jetzt die Rechte, um den Wirbel anzufassen. Knut schoss
vorwärts. Hunde sind beeindruckende Sprinter, aber er war einen
Sekundenbruchteil zu spät. Ich hatte einen kurzen Eindruck von einer
braunen Klaue, die Smooth packte, dann wurde er von den Beinen
gerissen und wirbelte durch die Luft. Knut sprang ohne zu zögern
hinterher.
Der Anblick war bizarr. Smooth und sein
Hund drehten und wirbelten herum wie in einem Mixer. Staub wirbelte
auf, und immer wieder erhaschte ich einen Blick auf etwas Braunes mit
scharfen Krallen und riesigen Zähnen.
Hektisch blickte ich mich um. Da.
Während ich lief, riss ich mein Handy hervor und brüllte Crowleys
Namen herein. „Verbinde mit Großkotz. Bitte warten.“ Ich kam vor
dem Feuerwehrkasten zu stehen und fummelte mit der linken an der
Sicherung.
„Bitte warten“
Dafür, das man diese Kästen im
Notfall aufmachen sollte, waren sie verdammt kompliziert. Ich steckte
das Telefon weg und riss mit beiden Händen an der Tür. Mit einem
Knacken flog sie auf. Hinter mit hörte ich Knurren, Bellen und
merkwürdige britische Flüche.
„Bitte warten“
Ohne groß nachzudenken drehte ich
einfach alles auf, was da an Ventilen zu drehen war und schnappte mir
das Schlauchende.
„Sie sind mit der Mailbox von Special
Agent Crowley verbunden. Wenn sie einer von den Ufospinners sind,
legen sie auf. Wenn sie Todesdrohungen loswerden wollen, drücken sie
die 1…“
Frustriert rannte ich mit dem
Schlauchende zu Smooth. Er sah inzwischen ziemlich mitgenommen aus.
Sein Tweedanzug war in Fetzen, und er drehte sich immer noch wie ein
Kreisel in inzwischen gut zwei Metern Höhe. Knut sah ebenfalls
gebeutelt aus und biss um sich wie bei einem Wurstwettessen. Zwei
tellergroße weiße Augen tauchten kurz auf und starrten mich wütend
an, dann wirbelten sie davon.
„Na, dann wollen wir euch mal ein
wenig abkühlen, Jungs.“ Ich legte den Hebel an der Düse um, und
knapp 1000 Liter Wasser pro Minute donnerten in den Wirbel. Smooth
wurde aus seinem Wirbel gepustet wie eines dieser Jahrmarktsmännchen,
die man mit Wasserkanonen in Eimer schießen muss. Ich korrigierte
mein Ziel und drückte Knut hinterher. Danach hielt ich weiter auf
den Wirbel, den in dem Wasserstrahl meinte ich einen Moment eine
klobige, haarige, wütende Gestalt ausmachen zu können. Sie schlug
und wirbelte noch ein paarmal um die eigene Achse und verteilte dabei
Wasser in der gesamten Lobby. Dann schien sie an Schärfe zu
verlieren. Es wirkte beinahe so, als würde sie unter dem Wasserdruck
zerlaufen. Gnadenlos ließ ich den Strahl auf der Gestalt, bis nichts
mehr als ein paar braune Schlieren übrig waren, die sich mit dem
Wasser vermischten. Ich verschloss die Düse wieder und ließ den
Schlauch fallen, um nach Smooth zu sehen. Als ich ihn erreichte,
hatte er sich gerade in eine sitzende Position hochgekämpft, während
Knut ihm jankend das Gesicht abschleckte. Ich half ihm, sich an eine
Säule zu lehnen.
„Was ist passiert?“
„Es ist mir etwas peinlich“, gab er
zu.
„Wieso?“
„Weil ich gerade von einer
Zeichentrickfigur verhauen worden bin.“
Neben mir erklangen Schritte. Ein
missbilligender Crowley starrte auf uns herunter.
„Könnt ihr mir erklären, warum ihr
hier mit Smooths Köter Wasserspiele spielt, während wir einen Fall
bearbeiten?“
Knut schüttelte sich und deckte uns
alle mit Wasser und Hundehaaren ein. Ich prustete laut los. Crowley
wirkte wenig erheitert.
„Dieser Fall macht mir jetzt schon
Kopfschmerzen.“
Den Mund zu voll genommen
A good old time
Gartersnake
„Unsere Computerfreaks sind schon
dabei, aber wer weiß, wie lange das dauert.“ Crowley massierte
seine Schläfen. Das kalte Glitzern seiner Chromaugen blieb
verstörend, aber ich hatte mich daran gewöhnt. Woran ich mich nicht
gewöhne wollte, waren solche unnötigen Ablenkungen von meiner Jagd
auf den Pinewood Club. Ich hatte diese ganze freier Mitarbeiter des
FBI Nummer nur angenommen, um ihnen auf den Fersen zu bleiben. Und
jetzt schaute ich mir alberne Cartoontiere an, die eine Bank
überfielen.
„Ich sehe das also richtig – Bugs
Bunny und Popeye der Seemann haben diese Bank überfallen?“ Ich
schaute in die Runde. „Und dich hat der tasmanische Teufel
angefallen?“ Smooth war immer noch ein wenig feucht und roch nach
nassem Hund, aber er hatte seine Haltung wieder gefunden. „Ich bin
nicht vertraut mit diesen Dingen, aber es war ein großes, braunes
Wesen mit kurzen Beinen, muskulösen Oberarmen und einem
beeindruckenden Gebiss, das sich in einer Art Wirbelwind fortbewegt.
Und es wirkte – gemalt. Oder eher gezeichnet.“
Ich tippte auf die Monitore, auf denen
gerade eine Cartoonhase in einem Loch vor der Bank verschwand, das er
gerade erst mit einem Farbeimer dorthin gemalt hatte. „So wie die
da.“
Der Brite nickte. „So in etwa. Und
dann gibt es noch eine Aufnahme, bei der uns der Detective gewarnt
hat, das wir sie nicht beim Essen sehen sollten.“
Er ließ einen Clip ablaufen, der den
Vorraum des Tresors zeigte. Der Panzerknacker, der mit seinem Sack
Beute beschäftigt war, bemerkte erst spät den Wachmann, der sich
aufgrund des Lärms genähert hatte. Dann starrte er ihn verwirrt an.
Der Mann war von dem Anblick ebenfalls wie versteinert. Er dachte
nicht einmal daran, seine Waffe zu ziehen. Plötzlich erschien aus
dem Loch eine weitere Comicfigur. Sie war schwarzweiß, klein, und
hatte riesige Augen. Sie blinzelte dem Wachmann verführerisch zu,
und wiegte ihre Hüften. Die Zunge des Mannes rollte aus seinem Mund
wie ein Teppich. Das Zeichentrickmädchen schnappte sich daraufhin
einen Heizkörper von irgendwoher und stopfte ihn im Ganzen in seinen
Mund. Sein Hals und Torso verformten sich, so dass man die Heizrippen
deutlich unter der Haut hervortreten sah. Das Mädchen lachte wild
los, und hielt sich den Bauch fest. Der Panzerknacker zögerte einen
Moment, dann schnappte er seinen Sack mit Beute und das Mädchen an
der Hand und gemeinsam verschwanden sie im Loch.
Außer dem leisen Würgen von Carmen
war es totenstill geworden. Crowley ergriff als erster das Wort.
„Bis grade hatte ich noch Sympathie
mit unserem kleinen Anarchisten. Aber Mord…“
„Noch ist es kein Mord“, erklärte
Smooth.
„Wie meinst Du das? Sag mir nicht,
das das jemand überleben kann!“
Smooth machte eine unbestimmte Geste
mit der Hand. „Fakt ist, das der Mann noch Lebenszeichen von sich
gegeben hat und zur Zeit in der Intensivstation des Sacred Heart
unter Isolation steht. Die Ärzte sind völlig ratlos.“
“Wir haben also einen Augenzeugen.
Crowley stand auf und nahm seinen Mantel. Smooth, ich gehe zum
Krankenhaus und rede mit ihm. Du hast eine Verabredung mit Mr
Breaker. Im Breakers at Edgewater Beach. Eine von Chicagos teuersten
Altersresidenzen. Ihre Fach ist das einzige, das aufgebrochen wurde.
Also, wer möchte sich auf den Ruhestand vorbereiten und wer möchte
die Zeugen befragen?“.“
Mein Magen sagte mir, das ich lieber
ins Breakers gehen sollte.
Das Breakers sah mehr aus wie ein
eigenes Villenviertel als ein Altersheim. Zum Glück gehörten sie
noch keinem der AAA Konzerne an, die sich auf Extraterritorialität
beriefen. So öffneten uns Crowleys Ausweis noch einige Türen. Ich
war alleine mit ihm da, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.
Außerdem hatte ich das beste Auge für die Sicherheitsmaßnahmen.
Das Personal, das uns begrüßte, sah
aus wie eine Werbung für plastische Chirurgie. Alle trugen
merkwürdige Schönheitsflecken symmetrisch im Gesicht verteilt. Das
hatte ich so noch nicht gesehen, und ich blieb aus professionellem
Interesse eigentlich auf dem Laufenden, was Modetrends anging. Wenn
man untertauchen muss, ist es wichtig, dass man sich an alles
anpassen kann.
Die Häuser und Wohnungen war in
Pastelltönen gehalten, die einzelnen Appartments wirkten mehr wie
Ferienhäuser als richtige Wohnungen. Auch hier gab es immer wieder
gleiche Proportionen und merkwürdige Punktanordnungen, die keinen
Sinn ergaben.Wir begegneten einigen Bewohnern, aber sie schienen uns
kaum wahrzunehmen. Stattdessen blickten sie unfokussiert in die
Ferne. Etwas an ihren Köpfen wirkte merkwürdig, und ich sprach
Barbie darauf an.
„Das sind unsere taktilen Sensornetze
für augmentierte Realität.“ Barbie konnte also auch auswendig
lernen. „Dadurch können wir die Einschränkungen der Sinne unserer
Bewohner umgehen und jedem eine individuelle Gestaltung seines
Wohnerlebnisses garantieren.“
Hier wurde Crowley hellhörig. Er hatte
seine Chromaugen wieder hinter der Brille verschwinden lassen, aber
ich sah es verdächtig aufblitzen.
„Wie meinen Sie das, die Sinne
umgehen. Und was hat es mit diesen Mustern auf sich.“ Es war gut zu
wissen, dass ich nicht als einzige ein waches Auge hatte.
„Genaueres kann ihnen Mr Breaker
selbst erklären, aber die Markierungen helfen der Software, gewisse
Muster einfacher zu erkennen und durch eingespeiste Bilder zu
ersetzen.“ Sie hielt kurz an einem Wandbildschirm an, der einen
Werbespot der Anlage zeigte. „Mittels unserer augmentierten
Realität haben sie jeden Tag selbst die Wahl, wo sie sein wollen und
mit wem sie verkehren möchten.“ Auf dem Werbesport war die Anlage
zu sehen, in der wir gerade standen. Plötzlich änderte sich das
Bild, und stattdessen waren wir auf einer Südseeinsel, und die
Häuser waren Holzhütten mit Palmendächern. Dann standen wir in
Südfrankreich, lustige kleine Altbauten an der Riviera. Dann in
einem modernen Condokomplex. Das Personal, das die Präsentation
machte, änderte sich von Barbie zu Hawaii-Barbie zu
Franzosen-Klischee-Barbie.
„Sie sehen also, wir können jedem
von ihnen den Lebensabend ihrer Träume bieten, ohne, dass sie die
Strapazen einer Reise oder den Aufwand eines Personalwechsels
betreiben müssen.“
Ich starrte den Bildschirm an, dann
Barbie. Dann warf ich, aus einem Instinkt heraus, einen Blick über
die Schulter. Hinter uns, einen Stapel Handtücher im Arm, stand ein
dürrer, schmieriger Bursche. Obwohl er dieselbe Uniform trug wie
Barbie, wirkte er vollkommen unpassend. Als er sah, dass ich ihn
bemerkt hatte, ließ er beinahe seine Handtücher fallen und
verschwand um eine Ecke.
Barbie führte uns mit eingefrorenem
Plastiklächeln an den Pool. Dort erwartete uns ein hagerer,
sonnengebräunter Mann undefinierbaren Alters. Er mochte sechzig
sein, achtzig oder hundert, aber er gehörte zu diesen glücklichen
Männern, die im Alter einfach nur interessanter wurden. Er las
etwas auf einem in seinen Rollstuhl integrierten Display, aber als
wir uns näherten, beschenkte er uns mit einem unmöglich perfekten
Lächeln.
„Special Agents. Was verschafft mir
die Ehre ihres Besuchs? Sollte der Staat endlich eingesehen haben,
das er für dein Ruhestand seiner wichtigsten Mitarbeiter doch etwas
großzügiger sein sollte?“ Er lachte über seinen eigenen Witz.
„Sie entschuldigen, das ich nicht aufstehe. Nehmen sie gerne
Platz.“
Crowley ließ sich auf ein paar verbale
Fechtereien mit Breaker ein, während ich die Umgebung sondierte. Die
beiden Kens, die Getränke brachten und den Rollstuhl schoben (auch
wenn das Ding mit Sicherheit einen Motor hatte), waren deutlich
anders gebaut als die anderen Pfleger. Und in ihren Uniformen
steckten ein paar Werkzeuge, die wenig mit Gesundheitspflege zu tun
hatten. Die ganze Anlage war mit Kameras und Alarmanlagen übersäht.
Angeblich war vieles davon zur Sicherheit der Bewohner, aber trotz
allem ergab sich ein beeindruckendes Sicherheitskonzept. Wenn wir
ungesehen hier herein wollten, war das eine echte Herausforderung.
Ein Name riß mich aus meiner Beobachtung.
„Entschludigung, sagten sie gerade
Islestream? Andrew Isletream?“ Crowley warf mir einen warnenden
Blick zu, aber Breaker wirkte völlig entspannt.
„Ja, das sagte ich. Mr. Islestream
ist derjenige, der uns den Vorschlag zur Aufnahme in den Konzern
gemacht hat. Er ist aufgrund unserer großen Erfahrung auf dem
Bereich der augmentierten Realität an uns interessiert. Und für
viele unsere Klienten hätte die Extraterritorialität noch einen
zusätzlichen Charme, was ihren Lebensabend angeht.“
„Sie wissen, das Andrew Islestream in
Verdacht steht, dem sogenannten Pinewood Club anzugehören? Einer
Vereinigung verbrecherischer Geschäftsleute, die illegale Versuche
an Menschen durchführen, die Kriminelle für die Schlägertruppen
der Konzerne anheuern und nicht gerade dafür bekannt sind,
freundliche Übernahmen zu tätigen?“ Ganz davon abgesehen das sie
verdammte teufelsanbetende Kannibalen waren.
Das Lächeln Breakers gefror. „Nein,
davon hatte ich noch nicht gehört. Ich lese allerdings auch selten
die Klatschseiten. Ich habe Mr. Islestream auf einer
Benefizveranstaltung zugunsten der Veteranen kennengelernt. Wir
teilen gewisse.. Interessen.“ Er nahm die Decke von seinem Schoß
und reichte sie an den Ken hinter sich. Darunter kamen zwei High Tech
Prothesen zum Vorschein, die von einem nahezu lebensechten Gewebe
bedeckt wurden.
Mit dem Surren von diversen Servos
stand Mr. Breaker auf. „Sie entschuldigen mich jetzt sicher. In
meinem Alter ist regelmäßige Bewegung wichtig. Wenn sie noch
weitere Fragen haben, können sie sich diesbezüglich mit meinem
Anwalt verständigen. Sie kenne ihn möglicherweise. Sein Name ist
Samuel Thorn.“ Mit diesen Worten ließ er uns stehen und vollführte
einen perfekten Kopfsprung in den Pool.
Als die beiden Kens uns nach draußen
führten, konnte ich Crowley neben mir brodeln hören, aber es war
mir völlig egal. Vielleicht war dieser Fall doch keine
Zeitverschwendung. Islestream. Thron. Zwei Namen von meiner Liste.
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen.
Carmen
Obwohl mir schon der Anblick des Videos
den Magen umgedreht hatte, konnte ich mir unmöglich ein
Exklusivinterview mit einem Augenzeugen entgehen lassen. Was immer da
wirklich passiert war, wer immer die Kameras manipuliert hatte, es
ging nichts über einen Augenzeugen. Vor allem einem, der so nah dran
gewesen war.
Crowley ging die ganze Sache gegen den
Strich, das merkte man während der Fahrt. Vor allem kam er immer
wieder auf den Schwedianer zu sprechen. Ich hatte aufgehört, ihn zu
korrigieren. Irgendwie wollte es nicht in Crowley Kopf, was Knut
wirklich war. Also beließ ich es dabei.
Crowley Ausweis räumte die beiden Cops
aus dem Weg, die die Tür in der Intensivstation bewachten. Ich
atmete noch einmal tief den Krankenhausmief nach Desinfektionsmitteln
und Angst ein, dann betrat ich nach Crowley das Zimmer.
Der Anblick war aus der Nähe noch
grotesker als in dem Video. Der gesamte Torso des Mannes war
deformiert, sah aus, als hätte man eine dünne, hautfarbene Membran
über einen Heizkörper gezogen. Der Hals hatte sich wieder
zurückverformt, als wäre nichts geschehen. An der Wand hingen
Röntgenbilder, die aber wegen der Metallmasse in seinem Rumpf keine
Klarheit schafften. Man hatte ihn an alle möglichen
lebenserhaltenden Geräte angeschlossen, aber trotzdem war mir
unklar, wie dieser Mensch noch am Leben sein konnte. Keines seiner
Organe konnte noch an seinem Platz, geschweige denn unversehrt sein.
„Ich glaube kaum, das er reden kann.“
Crowley nickte zustimmend. „Das denke
ich auch.“ Er nahm seine Brille ab, und seine verstörenden
Augenprothesen glitzerten im Neonlicht. Mi einem leisen Surren
fokussierte er den Körper des Wachmanns. Ich trat vorsichtig näher
an ihn heran, um ihm ins Gesicht zu schauen. Er war um die vierzig,
rotbackig, schwindender Haaransatz. Ein typischer Lohncop, der
vielleicht früh einem Herzinfarkt erlegen wäre, aber mit so etwas
hatte er gewiss nicht gerechnet. Und verdient hatte er es auch nicht.
Als ich so neben ihm stand, riss er plötzlich die Augen weit auf.
Seine Hand griff nach meiner. „Bist du Betty?“ stieß er hervor.
„Wo ist Betty?“
„Ich, ich weiß nicht.“ Wer war
Betty?
„Sag ihr, es tut mir leid, dass ich
sie so angegafft habe. Aber ich fand sie schon immer scharf. Auch,
wenn sie nur gezeichnet ist.“ Er atmete schwer, war
verstörenderweise die Heizrippen unter seiner Haut in Bewegung
versetzte. Crowley trat an meine Seite.
„Reden sie etwa von Betty Boop? Der
Zeichentrickfigur?“
Die Augen des Wachmannes hefteten sich
auf Crowley. Sein Gesicht verzerrte sich plötzlich vor Schmerz.
„Ich.. Ich .. ja, ich AAARGH“
Der Brustkorb des Manne schlug
plötzlich Wellen. Alle Geräte in dem raum begannen Alarm zu
schlagen. Crowley stand wie eingefroren neben mir, in seinen Augen
lag ein roter Schimmer. Er murmelte leise „Das kann nicht sein,
sowas gibt es nicht, das kann nicht sein“ wie ein Mantra. Der
Wachmann begann, um sich zu schlagen, und mit einem letzten,
feucht-saugenden Geräusch fiel seine Brust in sich zusammen, als
wäre die Luft herausgelassen worden. Er erbrach einen Schwall Blut,
dann lag er still. Das Piepen des Pulsanzeigers verwandelte sich in
einen durchgehenden Ton. Die Türen flogen auf, und eine kleine
Truppe Ärzte trieb uns zur Seite. Es gab einen kurzen Wirbel, aber
schon nach Sekunden war klar, das hier nichts mehr zu tun war, als
den Todeszeitpunkt fest zu legen.
Nachdem ich auch den letzten Rest
meines Mittagessens von mir gegeben hatte und die Ärzte uns mit ein
paar Beruhigungspillen versorgt hatten, machten wir uns auf den
Rückweg. Die Ärzte hatten nur mit einem Schulterzucken erklären
können, das aus irgendeinem Grund was immer da in ihm gewesen war
jetzt auf einmal verschwunden war. Und hatte den Mann zurückgelassen
mit zerschmetterten Rippen und komplett zerquetschten Organen.
„Was immer da drin passiert ist –
es kommt ganz oben auf meine Liste der widerlichsten Todesarten.“
Ich nickte. „Und wer immer dafür
verantwortlich ist, kommt ganz oben auf meine Abschussliste.“
Ausnahmsweise widersprach Crowley mir
nicht.
Crowley
Ich konnte nicht fassen, das
ausgerechnet Jennifer so eine Szene machen würde. Andererseits,
warum war ich überrascht. Seit dem „Dinner“ war der Pinewood
Club das einzige, was die Damen gemeinsam hatten. Ihre Obsession. Sie
machten kleine lustige Listen mit Dingen, die sie den einzelnen
Mitgliedern antun wollten. Oder warfen mit Messern nach ihren
Bildern.
Nein, was mich überrascht hatte, war
das der Club hier auch schon wieder auftauchte. Man konnte sich schon
ein wenig verfolgt fühlen. Immer, wenn die Sache richtig stank, war
einer von den Feinschmeckern dabei. Wenn ich nur diesen Lärm
irgendwie abschalten könnte. Sie keiften jetzt schon beinahe eine
Stunde herum, und neuerdings kläffte auch noch Smooths Hund herum.
Wenn ich die Augen schloss, spielten sie mir ständig irgendwelche
Erinnerungen vor. Meistens konnte ich sie kontrollieren, aber bei
diesem Geschrei riefen sie leider Bilder hervor, die mich auch im
Schlaf verfolgten. Das Labor. Die Soldaten. Die Operationen.
„Schluss jetzt.“ Ich schlug auf den
Tisch. „Diese ganzen Verschwörungstheorien helfen uns grade nicht.
Was sind die Fakten?“
Smooth tätschelte seinen Hund, dann
rief er eine Präsentation auf. „Die einzigen relevanten
Datenpunkte sind hier. Breakers at the Edgewater ist kurz vor einer
Übernahme durch Renraku. Dabei werden sie tatsächlich von unserem
alten Bekannten Samuel Thorn beraten, den wir schon vor dem Theater
Mondo interviewt haben“ Er zeigte ein Foto des Anwalts. Beim
Anblick seiner mechanischen Augen fasste ich mir unmittelbar an die
Schläfen. Ungewollte Bilder blitzten auf. Der Pinewood Club bei
einem seiner Festessen. Samuel Thorn, der ein paar Augen von einem
Cocktailspieß knabberte. Andrew Islestream, der ein menschliches
Bein anschnitt wie eine Schinkenkeule.
„Wir sind außerdem die Einwohner des
Breakers durchgegangen. Und dabei ist Carmen jemand aufgefallen.“
Ein neues Bild erschien auf dem Monitor. Zum Glück kamen dabei keine
neuen Assoziationen auf. „Das ist Elwood Warner der dritte.“ Das
Bild zeigte einen alten, übergewichtigen Mann, der herzhaft lachte.
„Und warum interessiert er uns?“
„Weil er nicht irgendein Warner ist.“
Carmen schob ihren Laptop zu mir herüber. „Er ist einer der
Nachfahren der Warner Brothers. Der Erfinder von berühmten
Cartoonfiguren wie Bugy Bunny, Daffy Duck und dem tasmanischen
Teufel.“
„Dann sollten wir schleunigst mit Mr.
Warner ein Schwätzchen halten.“
„Das könnte schwierig werden. Elwood
Warner hat vor beinahe zehn Jahren einen Schlaganfall erlitten und
spricht seitdem nicht her. Das hier ist der Mann, der sich schon
vorher um ihn gekümmert hat und seit nunmher fünfzehn Jahren sein
ständiger Begleiter ist.“ Smooth zeigte das Bild eines
schmierigen, dunkelhaarigen Typen. „Oscar Delgado, 37 Jahre.
Einwanderer aus Costa Rica, keine Abschluss. Wie er genau zu Warner
gekommen ist, ist nicht wirklich klar. Aber wie man sehen kann, passt
er keineswegs in das Mitarbeiterprofil des Breakers.“
Jennifer zielte mit einem Laserpointer
auf seine Stirn. „Der Typ hat uns auch bei unserem Besuch
angesehen, als wären wir Geister. Ich bin kein Psychologe, aber der
hatte schlechtes Gewissen auf die Stirn geschrieben.“
Ich raufte mir die Haare. „Wie kommen
wir an ihn ran? Nach Jennifers Auftritt bekommen wir wohl kaum
nochmal Zutritt, und wenn wir ihn erst vorladen, ist das niemals
durch, bis sie Ende der Woche extraterritorial sind.“
Jennifer starrte mich vernichtend an.
„Ich käme da schon rein, aber einfach wird das nicht. Ich habe
selten so komplette Videoüberwachung gesehen. Und was mache ich dann
mit ihm?“
„Nein, so kommen wir nicht weiter.
Wir müssen irgendwie mit ihm Kontakt aufnehmen. Er muss denken, dass
wir auf seiner Seite sind, dann traut er sich vielleicht raus.“
Carmen nickte. „Wenn man einen
Informanten aus dem Loch locken will, muss man ihm erstmal Honig ums
Maul schmieren. Die einzige Frage ist – worauf steht unsere
männliche Krankenschwester?“
Finale im Rabbits Hole
Irgendwie kam ich mir wie der gruselige
Onkel vor, der Kindern Eis ausgibt. Mit dem albernen Hasen T-Shirt
und den kurzen Hosen, der fetten Sonnenbrille, meine Augen zu
verbergen und dem Hut, damit mein schwindender Haaransatz nicht so
auffiel, war ich zwar nicht wirklich unauffällig, aber es war immer
noch besser als meine Dienstanzüge. Im Nachhinein war das „Rabbit
Hole“, eine Warner Cartoon Themenkneipe mit verkleideten Kellnern
und lustigen Cartoonsnacks wie „Torte ins Gesicht“ oder „Bugs
Karottenkuchen“ ein doch nicht so toller Treffpunkt. Ich war der
einzige Erwachsene hier ohne Kinder, und die Eltern warfen mit
regelmäßig misstrauische Blicke zu. Hinter der Eiskarte verborgen
ging ich über das Headset die Positionen der anderen durch.
„Hintereingang ist sicher“,
bestätigte Smooth.
„Vordertür ist im Blick“,
bestätigte Jennifer, gefolgt von einem „Wuff“. Smooths
verdammter Köter.
„Fluchtwagen steht bereit“, hauchte
Carmen in den Funk. „Und ich glaube, unser Paket ist unterwegs.“
Sie schickte mir ein Foto eines Kleinbusses mit dem Breaker
Schriftzug, der gerade in der Straße neben ihr hielt. „Unsere
Schwester ist nicht allein“ Das Foto einer dürren, dunkelhaarigen
Frau am Steuer des Kleinbusses folgte. Sie trug irgendein Haarnetz
und wirkte auch ansonsten eher wie eine McDonaldsangestellte denn wie
eine harte Verbrecherin.
„Smooth, jag die doch mal gleich
durch unsere Datenbank. Ich werde unserem Mann mal auf den Zahn
fühlen.“
Wenige Minuten später dudelte die
Eingangstür den „Looney Tunes“ Jingle, und ein hektischer
Carlos, noch schlechter verkleidet als ich, schlich durch die Tür.
Seine Sonnenbrille war geschwungen wie die von Dame Edna, und auf
seinem Kopf saß so ein formloser Anglerhut. Er schwitzte Sturzbäche,
denn er hatte über seiner Breakers Pflegeuniform noch einen dunklen
Trenchcoat. Immerhin war ich jetzt nicht mehr Nummer Eins auf der
Liste der Kinderschänder-Verdächtigen.
Mit hektischen Schulterblicken und
zögernden Schritten kam er zu mir an den Tisch. Ich versuchte,
beruhigend zu lächeln, aber Carlos war viel zu nervös, um darauf
einzugehen.
Er starrte mich an, und das peinliche
Schweigen dauerte an.
„Also, was willst du, Hermano?“
Seine Stimme zitterte, was dem Machogehabe einiges an Eindruckskraft
nahm
„Ich will dir helfen, Oscar. Du bist
da in etwas hineingeraten, das du nicht überschauen kannst. Du legst
dich mit Leuten an, die du nicht mit ein paar billigen Cartoontricks
hereinlegen kannst.“
Oscar schaute sich wieder um und
kratzte sich dann unter dem verschwitzten Hut.
„Ich brauche keine Hilfe. Ich kann
machen, was ich will. Ich bin unbesiegbar!“
„Oscar, Oscar. Niemand ist
unbesiegbar. Und ihr, du und deine Freundin, ihr legt euch da mit
Leuten an, die essen Leute wie dich zum Frühstück.“ Im wahrsten
Sinne des Wortes. „Hast du eine Ahnung, was der Pinewood Club schon
alles zu verantworten hat?“
„Wer?“
„Die Leute, die das Breakers an
Renraku verscherbeln. Und was meinst du, wie gut jemand mit deinem
Werdegang in die schöne neue Konzernwelt passt.“ Ich pokerte ein
wenig. Carlos war seit frühester Jugend mit Diskriminierung
vertraut. Das Renraku tatsächlich grade sogar in Alphabet City
rekrutierte, musste er ja nicht wissen.
„Aber das wird nicht passieren. Mr
Warner“ er zögerte „Ich werde das nicht zulassen.“ Er fummelte
unter seinem Mantel herum. Ich hob beruhigend die Hände.
„Carlos, ganz ruhig. Ich will dir
helfen. Aber dazu musst du mir auch helfen. Du musst mich mit dem
zusammen bringen, der diese – Dinge tun kann. Dann kann ich ein
gutes Wort für dich einlegen. Wir sind sicher, du hast diesen
Wachmann nicht umbringen wollen…“
Carlos sprang auf. „Er ist tot? Dios
Mio! Das kann nicht sein! Niemand stirbt in der Warner World! Am Ende
geht es immer allen gut!“
In meinem Headset erklang Carmens
Stimme. „Hier passiert was, Crowley. Betty Boop ist grade aus dem
Wagen gestiegen. In Schwarz Weiss. Und sie zündet eine Lunte an.“
Ich fluchte innerlich. „Carlos, du
konntest es nicht wissen. Aber deine Taten haben Folgen. Du kannst
nicht kontrollieren, was passiert.“ Ich versuchte, unauffällig
unter den Tisch zu spähen.
„Wir denken, es war deine Komplizin,
nicht du. Wenn Du jetzt ruhig bleibst und kooperierst, können wir
dir noch helfen.“
„Wer bist du, das du mir helfen
kannst?“ Carlos Augen sahen merkwürdig aus, als würde er gar
nicht mich direkt ansehen, sondern irgendetwas – größeres?
Anderes.
„Na gut, aber flipp nicht aus.“ Ich
griff langsam in meine Tasche und holte meinen Ausweis hervor. „Ich
bin Special Agent…“
„Caramba!“ stieß Carlos hervor,
und vor meinen Augen überlagerte etwas Carlos Gestalt. Er wurde
quasi übermalt, und statt Carlos zog da Yosemite Sam, der kleine,
bauschbärtige Cowboy aus den Cartoons, seine übergroßen Pistolen.
Ohne zu zögern jagte ich ihm 2000 Volt Taserladung in den Bart. Wie
eine brave Comicfigur wurde er von Blitzen umzeichnet und zuckte wild
hin und her. Die Tür zur Küche flog auf und Smooth kam
hereingestürmt.
„Verlassen sie alle das Lokal! Es
gibt keinen Grund zur Panik.“
Wie zu erwarten ergriffen daraufhin
alle Gäste panikartig die Flucht und blockierten die Ausgänge. Mit
einem Knall zerplatzte eine der Fensterscheiben. Jennifer stieg
geschickt durch die Scherben. „Da draußen kommt eine Lunte näher,
die sich nicht löschen läßt.“ Sie warf einen Blick auf den
zuckenden und rauchenden Yosemite Sam. “Hoffentlich hat er sie
nicht in der Tasche. Dann weiteten sich ihre Augen. Sie zeigte
wortlos unter den Tisch und hechtete dann in Richtung der Theke. Die
Taserladung war verbraucht, aber Sam/Carlos schien immer noch
benommen. Ich warf den Tisch um, und darunter kam eine melonengroße,
schwarze Zeichentrickbombe zum Vorschein. Wie ich die vorher
übersehen konnte, ist mir schleierhaft. Die Lunte führte aus der
Tür heraus, und ich konnte schon das wütende Zischen der Zündflamme
hören. Ich packte die Lunte und wollte sie aus der Bombe reißen,
aber sie zog sich nur gummiartig in die Länge, ohne zu reißen. Die
Zündflamme wanderte durch die Tür auf und zu. Verzweifelt packte
ich die Bombe und suchte nach einem Ort, wo sie weniger Schaden
anrichten würde. Die Küchentür fiel mir ins Auge, als mich
plötzlich ein Strahl Wasser mitten ins Gesicht traf. „Halt still!“
keifte Jennifer. Sie hatte sich hinter der Bar den Sodaschlauch
geschnappt und spritzte damit nach mir.
„Lösch doch die Lunte, verdammt noch
mal!“ Ein weiterer Strahl traf diesmal die Bombe, und jetzt
verstand ich, was sie vorhatte. Wo das Wasser die Bombe traf, wurde
die Oberfläche verschwommen, als würde man Wasserfarbe
verschmieren. Ich rannte auf sie zu, die Zündflamme direkt hinter
mit. Unter meinen Händen zerlief die Bombe langsam. Zu langsam. Mit
einem letzten Hechtsprung warf ich die Bombe mit einem lauten
Klatschen in das Spülbecken hinter der Theke. Die Flamme zischte an
mir vorbei. Über die Theke hinweg.
„Nun verschwinde schon, du Mistding.“
Die Flamme lief tatsächlich noch in das Wasser des Beckens hinein.
Das wars dann wohl. Ich kniff die Augen zusammen, aber wieder einmal
zeigte das kaum Wirkung. Das Bild der Lunte lief vor meinen Augen
weiter, ich sah schon die Explosion, zerfetzte Körperteile flogen in
alle Richtungen. Und aus der Asche stieg ein verrauchter
Cartooncowboy und tanzte einen lustigen Westerntanz auf unseren
Leichen.
Eine Hand traf mich im Gesicht. Ich
öffnete die Augen, und Jennifers unverschämtes Grinsen strahlte mir
in hochauflösender Grafik entgegen.
„Kein Zeit zum Träumen, Crowley. Es
hat geklappt. Und nun schnappen wir uns noch Betty Boop.“
Zu meiner unendlichen Erleichterung war
ich tatsächlich nicht tot. Das Spülwasser hatte sich in eine
schmierige Suppe verwandelt, aber schlußendlich war die Bombe doch
verschwunden. Smooth legte gerade einem klatschnassen, immer noch
zuckenden Carlos Handschellen an. Bei dem Kampf hatte er seinen Hut
verloren, und in seinen schmierigen Haaren entdeckte ich etwas
interessantes. Ich schritt auf ihn zu und schnappte mir das dünne
Elektrodennetz, das er durch seine kurzgeschorenen Haare auf die
Kopfhaut gepflastert hatte.
„No no, nimm es mir nicht weg,
muchacho. Ich will es nicht sehen. Ich will nicht…“, und er
begann unkontrolliert zu heulen und zu schniefen.
Von draußen ertönte ein lauter Knall.
Wir rannten los.
Carmen
Nachdem Betty die Lunte angezündet
hatte, war sie wieder ganz gemütlich ins Auto gestiegen und begann,
sich die Lippen nachzuziehen. Es war so ein surrealer Anblick, das
ich einen Moment nicht wusste, was ich als nächstes tun sollte. Da
saß tatsächlich eine zweidimensionale, schwarz-weiße Comicfigur
hinter dem Steuer des Kleinbusses. Dann nahm ich mich zusammen,
schnappte meinen Taser aus der Handtasche und stieg aus.
„So, Betty, es hat sich
ausgeschminkt. Raus aus der Karre. FBI!“
Das Mädchen bekam große Augen. Im
wahrsten Sinne des Wortes. Sie riss die Augen auf, und sie wurden
einfach immer größer. Das sieht im Fernsehen lustig aus, in der
Realität ist es einfach nur verstörend. Und dann wurde es ziemlich
unheimlich.
„Nein Nein Nein!“ Bettys Augen
blitzten zornig auf, und vor Wut schossen ihr Flammen aus dem Kopf.
Kleine Teufelshörner wuchsen ihr. Sie hieb ein paarmal auf das
Lenkrad ein, und der Kleinbus verwandelte sich in einen riesigen
Cartoonbus. „Ich geh nicht ins Gefängnis!“ Das gelbe Ungetüm
hupte, und der Schalldruck warf mich auf den Rücken. Das geriet
jetzt doch ein wenig außer Kontrolle. Ich hastete zurück in mein
Auto. Mit einem Meter Knautschzone zwischen mir und dem gelben
Monster fühlte ich mich deutlich besser.
Die Scheinwerfer der Busses waren
tatsächlich Augen, die mich anstarrten. Er ließ den Motor
herausfordernd aufheulen, und bäumte sich auf wie ein Pferd.
„Du willst Chicken spielen? Dann
spielen wir, Betty.“ Ich startete den Motor des Dodge und ließ die
PS aufröhren. „Meinst Du, du hast bessere Nerven als ich?“ Ich
schnallte mich an. Betty grinste teuflisch.
„Dann wollen wir doch mal sehen, ob
gemalte Busse Airbags haben.“ Ich gab Vollgas.
Crowley
Als wir um die Ecke kamen, lagen
Carmens Wagen und ein knallgelber, fast 10 Meter langer Cartoonbus
fest ineinander verkeilt an der Seite der Strasse. Die Tür des
Busses stand offen, und Smooth Hund zerrte gerade etwas aus dem
Führerhaus, das verdächtig nach einer Comicfigur aussah. Ich rannte
zur Hintertür des Wagens und riss sie auf. Das Innere des Busses war
ein ganz normaler Seniorentransporter. Dort, angegurtet auf einer
Krankentrage, lag Warner. Auf seinem kahlen Kopf lag ein
Sensorennetz, wie ich es auch Carlos abgenommen hatte. Kabel liefen
in ein kleines Computerterminal, das in seine Liege eingelassen war.
Entschlossen betrat ich den Bus. Als ich neben dem Mann stand, wurde
mir kurz übel. Ich war mir nicht sicher, ob dort ein echter Mann lag
oder eine Zeichentrickfigur. Ich tastete mit meinen Fingern an seiner
Kopfhaut entlang, bis ich das Netz zu fassen bekam, und zog es
herunter.
„Wa…“ die Augen des Mannes
flatterten auf. Seine Pupillen waren geweitet. Er starrte an mir
vorbei, nur an die Decke. „Nein, nein, wo sind die Farben, wo sind
die Faaa…“
Seine Worte gingen in einem Röcheln
unter, und sein Kopf sackte zur Seite.
„Verdammt“, fluchte ich. „die
Realität ist für manche einfach zuviel.“
Epilog
Am Ende konnten wir natürlich nichts
beweisen. Alle Hinweise auf lebendige Comicfiguren zerliefen mit
Warners Tod zu Farbpfützen. Die wenigen Aufnahmen, die wir hatten,
würden vor Gericht wohl kaum ausreichen. Wir hielten Carlos und
seine Freundin fest, und Carlos brach schnell zusammen und gestand
neben dem Banküberfall auch noch eine Menge geringerer Delikte.
Seine Freundin, eine gewisse Melissa Jones, sagte kein Wort zu
alldem.
Carlos Geschichten über die bessere
Welt, die sein Freund Mr. Warner für sie alle erschaffen hatte,
führte ihn direkt in die Klapse. Seine Freundin kriegten wir für
Beihilfe zur Entführung und schwerem Diebstahl dran, denn sie hatten
den Wagen und Warner unerlaubt vom Gelände des Breakers entfernt.
Ich ließ die Sensornetze in den
C-Akten verschwinden. In den Berichten tauchten sie nicht auf, und
obwohl Breakers Beschwerde einlegte und mit Klage drohte, saßen wir
das Ganze aus. Jennifer hatte durscheinen lassen, das Ares uns so
ziemlich alles für die Dinger gezahlt hätte. Ich gestehe, ein
eigenes Bürogebäude mit Hubschrauberlandeplatz hat mich einem
Moment zögern lassen. Aber nein. Auch, wenn ich mich über unsere
Beamtendenke hier ärgere, auch, wenn ich kein Freund unserer
Indianerpolitik bin. Das FBI ist der Ort, wo ich hingehöre.
Was die Comicsache angeht? Bis jetzt
weiß ich nicht genau, was passiert ist. Smooth und Hawkins haben
zusammen eine Theorie von ektoplasmischer Manifestation sensorischer
Eindrücke entwickelt. Das, was Warner durch sein Sensornetz gesehen
hat, hat er wahrgemacht. Ob es so war? Wer weiß. Das Breakers und
ihre Sensornetze gehören jetzt zu Renraku. Wir können nur hoffen,
dass sie vorerst niemanden mehr wie Warner in die Finger bekommen.
Oder das wir ihn zuerst finden.
Crowley out.
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